Abergele ist eine triste Kleinstadt im Norden von Wales. An der Hauptstraße die uniformen Ladenfassaden, die man in fast jeder britischen Provinzstadt findet, Woolworth, National Westminster Bank, Lloyds Pharmacy.

Zwei Reiseagenturen mit bunten Billigangeboten.

Im vergangenen Jahr kamen Forscher aus London zu Besuch. Es waren Genetiker des University College. Sie suchten sich männliche Bewohner aus, deren Väter und Großväter in der Stadt oder in ihrem Umkreis geboren waren. Dann rieben sie ihnen mit Wattetupfern etwas Gewebe aus der Mundschleimhaut, um später im Labor ihre Y-Chromosomen zu klassifizieren. Sie fahndeten nach 18 variablen Genbereichen, also Teilen der DNA, die sich im Verlauf der letzten Jahrtausende verändert hatten. So wollten sie Aufschluss über die britischen Verwandtschaftsverhältnisse erhalten.

Die Vererbungsforscher wiederholten das Verfahren in einem weiteren walisischen Ort und in fünf englischen Städten, die ebenfalls zwischen 5000 und 10 000 Einwohner zählen und schon im berühmten Domesday Book aus dem Jahr 1086 als Marktplätze verzeichnet sind. Schließlich hatten die Wissenschaftler Genmaterial von 313 Männern beisammen. Außerdem untersuchten sie 94 Testpersonen im niederländischen Friesland. Das verblüffende Ergebnis: Friesische und englische Chromosomen sind ununterscheidbar, berichtete das Expertenteam in der Fachzeitschrift Molecular Biology and Evolution (Bd. 19, S. 1008-1021). Zwischen Wales und England aber liegen genetische Welten.

Bei der Untersuchung ging es darum, einen Historikerstreit mit naturwissenschaftlichen Mitteln beizulegen. Bis in die sechziger Jahre galt es als ausgemachte Sache, dass die Bevölkerung Großbritanniens ein Amalgam immer neuer Immigrationsbewegungen und Völkerwanderungen sei. Im 1.

vorchristlichen Jahrtausend stießen die Kelten auf die Insel vor, auf der bis dahin nur nach der Eiszeit aus Kontinentaleuropa zugewanderte Steinzeitmenschen lebten. Von 43 bis 410 nach Christus herrschten die Römer, Soldaten aus dem ganzen Imperium immigrierten. Von 400 bis 800 machten sich die Angelsachsen breit. Danach fielen die Wikinger zwei Jahrhunderte lang über das Küstenland her. 1066 schließlich eroberten die Normannen die Insel.

Gene aus der Steinzeit