Die britische Gesundheitspolitik wirkt ebenso verstaubt und traditionsverhaftet wie die Lords im Oberhaus oder die Yeomen, die seit 500 Jahren den Tower of London bewachen. Das nationale Gesundheitssystem (National Health System, NHS) wurde 1946 von der Labour-Regierung eingeführt und verspricht jedem Briten eine beitragsfreie und kostenlose Versorgung, finanziert allein durch Steuern. In einem Land mit knapp 60 Millionen Menschen ist das NHS zum größten staatlichen Arbeitgeber in der demokratischen Welt avanciert. Mehr als eine Million Menschen arbeiten im Dienste der Gesundheit. Das kostet die britischen Steuerzahler derzeit jährlich 53,7 Milliarden Pfund.

Die Schwierigkeiten des NHS sind vielfältig und, wie es scheint, kaum lösbar.

Seit dem Ende des ersten Investitionsmarathons in den fünfziger und sechziger Jahren leidet das Gesundheitssystem an chronischer Unterfinanzierung. Während andere europäische Länder im Durchschnitt knapp neun Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes in die Gesundheit der Bevölkerung investieren, liegt der britische Anteil nur bei etwas mehr als sechs Prozent. Die Labour-Regierung unter Tony Blair will das ändern. Im vergangenen Jahr wurde ein Investitionsprogramm von vier Milliarden Pfund angekündigt, das "die Ausgaben im Gesundheitsbereich bis zum Jahr 2006 auf den europäischen Durchschnitt anheben" soll. Aber Geld allein hilft nicht. Der in mehr als 50 Jahren aufgeblähte bürokratische Apparat wirtschaftet ineffizient und oft zum Nachteil der Patienten. Bevor ein Arzt eine Routineuntersuchung durchführen kann, muss er sich diese von der Finanzabteilung seines Krankenhauses genehmigen lassen. Ist das Budget erschöpft, gibt es keine Untersuchung.

Um die ehrgeizigen Wahlversprechen einhalten zu können, hat Labour viel Fantasie entwickelt. Eilige Operationen finden immer häufiger in privaten Krankenhäusern oder gar in Frankreich oder Deutschland statt - auf Kosten der Steuerzahler. Für große Investitionen wie Krankenhausneubauten wird zunehmend auf die Privatwirtschaft zurückgegriffen, die in so genannten Public-Private-Partnership-Projekten den Bau und die Leitung eines Krankenhauses übernimmt und dieses an den Staat zurückleast. Über das Konzept einer gesetzlichen Krankenversicherung wird allerdings nicht einmal nachgedacht. "Das NHS ist die heilige Kuh Großbritanniens. Es gilt als die größte sozialpolitische Errungenschaft in der britischen Geschichte", meint Professor Peter Hennessy, Historiker an der University of London, und fügt hinzu: "Bevor das NHS abgeschafft wird, stürzt das Königshaus."