Der Tod von Dr. Best, dem unermüdlichen Werber für federnde Zahnbürsten, liegt nun schon ein halbes Jahr zurück, und noch immer ist ein Ende der Volkstrauer nicht abzusehen. Junge Frauen schneiden sein Bildnis aus der Bürstenpackung und stellen es, geschmückt mit einem schwarzen Trauer-Haargummi, vor den Kosmetikspiegel. Alte Damen schluchzen während der Fernsehwerbung hier habe früher Dr. Best seinen Tomaten so zart über die Wange gestreichelt, lautet die stereotype Formel ihres Kummers. Sogar hartgesottene Früchtegroßhändler sehen nicht ohne tiefe Bewegung die Paletten mit der Strauchtomate auf dem Gabelstapler vorüberfahren niemand, das wissen sie, wird ein Gemüse jemals wieder so öffentlich liebhaben wie der große Dentist aus den USA. Nur seine ärztlichen Kollegen halten sich mit Beileidskundgebungen seltsam zurück. Ist es Neid auf den Größten der Großen, James E. Best mit seinem wunderbaren Schnäuzer? Selbst die gay community, die seit Jahrzehnten mit stillem Ernst der Barttracht ihres verehrten Lieblings nacheifert, hat alle Anwandlungen der Eifersucht unterdrückt und zu rührenden Gesten der Anteilnahme sublimiert. Auf dem ersten Tuntenball dieser Saison soll sich eine reizende junge Ledermaus demonstrativ den Schnäuzer heruntergerissen haben. Für den Christopher Street Day sind Plakate mit dem Bildnis von Dr. Best geplant, eine schwule Trachtengruppe aus Bad Kissingen hat schon einen Rap einstudiert, bei dem swingende Bürstenköpfe auf schamrot erglühende Tomaten treffen. Verliebte Zahnputzer tanzen auf den Straßen! Der Redaktion der ZEIT kann allerdings der Vorwurf nicht erspart werden, die Gelegenheit für einen angemessenen Nachruf verschlafen zu haben. Auch wenn es in diesem Blatt gute Gründe für eine zurückhaltende Nachrufpolitik gibt (in sterbeintensiven Wochen wäre sonst kein Platz mehr für andere Artikel), hätte man sich in diesem Falle erinnern müssen, dass im Nachlass von Stephan Hermlin noch ein unpublizierter Essay mit dem Titel Nachdenken über Dr. Best ruht. Der berühmte Altkommunist und Amerikakritiker verbeugt sich darin vor dem Zahnpfleger aus Chicago. Wie viel aufmerksame Beobachtung des Westfernsehens mag dazugehört haben, die Wahlverwandtschaft beim Klassenfeind zu erkennen! Heute, da Kriege wieder unvermeidlich erscheinen, sollte man sich erinnern, wie einst die Entspannungspolitik bei der Zahnpflege begann.