Hängen Macht und Einfluss eines Landes von der Zahl seiner Einwohner ab? Eine ungewöhnliche Frage, in der Regel stellen wir sie nicht. Mächtige Länder unterscheiden sich von weniger bedeutenden durch ihre militärischen Möglichkeiten oder ihre wirtschaftliche Leistung. Panzer zählen und das Bruttosozialprodukt. Viele Einwohner verleihen dagegen noch keinen Großmachtstatus. Dies zeigt das Beispiel Indiens. Dort gilt die große und weiter wachsende Bevölkerung sogar als Belastung. Und niemand hat Indien einen ständigen Sitz im UN-Weltsicherheitsrat angeboten, nur weil es in einem Vierteljahrhundert China überholen und das bevölkerungsreichste Land der Erde sein wird.

Trotzdem sind Größe und Struktur der jeweiligen Bevölkerung von Einfluss. Spanische Seefahrer entdeckten Amerika, portugiesische den Seeweg nach Indien. Gestützt auf den Vertrag von Tordesillas (1494) teilte Papst Leo X. den Globus 1514 unter diesen zwei Nationen auf. Aber beide hatten viel zu wenige Einwohner, um die gewonnenen Überseegebiete zu besiedeln. Obwohl im Reich Karls V. und Philips II. die Sonne nicht unterging, wurden Spanien und Portugal nie zu Großmächten. England und Frankreich machten das Rennen.

"20 Millionen Deutsche zu viel"

Auf dem europäischen Kontinent behauptete Frankreich bis ins 19. Jahrhundert fast unangefochten seine Vormachtstellung. Es war die Grande Nation – auch deshalb, weil Frankreich unter den Ländern Europas damals mit Abstand die meisten Einwohner hatte. Nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht unter Napoleon standen dem Land damit die meisten Soldaten zur Verfügung. Allerdings gab es in Frankreich keine zur Auswanderung bereite "Überschussbevölkerung". Im Gegensatz zu Großbritannien musste Frankreich von Quebec bis Louisiana zwangsweise Kolonisten ansiedeln.

Die Briten waren bei der Inbesitznahme der Neuen Welt erfolgreicher. In England, Schottland und Irland gab es viele Menschen, die aus wirtschaftlichen oder religiösen Gründen auswandern wollten. Mit ihnen ließen sich die von England erworbenen Kolonien tatsächlich in Besitz nehmen. Und mit ihnen ließen sich die Franzosen in Nordamerika während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) besiegen. Frankreich blieben – bis heute – zwei winzige Inseln im Atlantik vor der Mündung des Sankt-Lorenz-Stroms und einige weitere in der Karibik. Die Franzosen eroberten sich im 19. Jahrhundert ein zweites "Kolonialreich" in Afrika. Regelrecht kolonisiert wurde jedoch nur der Norden Algeriens. Aber auch dort waren viele "französische" Siedler eigentlich Italiener, Malteser oder sephardische Juden.

Die Kehrseite ihrer demografisch erfolgreichen Kolonialisierung bekamen die Briten schon kurz nach Ende des Siebenjährigen Krieges zu spüren. Die Mehrzahl der religiös überzeugten, wirtschaftlich erfolgreichen und politisch selbstbewussten britischen Siedler in Nordamerika kündigte dem Mutterland ihre Loyalität auf und erklärte 1776 die Unabhängigkeit der USA. Eine Leistung, die sich nur ermessen lässt, wenn man bedenkt, dass es den Bewohnern weiterer britischer Kolonien erst im 20. Jahrhundert gelang, gegen den Willen des Mutterlandes die Unabhängigkeit zu erzwingen. Bereits im frühen 19. Jahrhundert folgten hingegen die kolonialen Eliten Lateinamerikas dem US-amerikanischen Beispiel. Sie lösten sich von Spanien und Portugal. Erst durch diese Emanzipation von den Mutterländern entstanden in Nord- und Südamerika Einwanderungsgesellschaften, die Migranten nicht nur aus einem, sondern aus vielen europäischen Ländern aufnahmen.

Europas Aufstieg zu einem Kontinent mit mehreren Großmächten hat zweifellos damit zu tun, dass die industrielle Revolution von hier ihren Ausgang nahm. Mit der Industrialisierung verbesserten sich in diesem Teil der Welt auch die Lebensverhältnisse. Die Sterblichkeitsrate sank, was zu einem beträchtlichen Bevölkerungswachstum führte. Ob dies den betroffenen Ländern und Gesellschaften mehr Vorteile brachte oder mehr Probleme bescherte, war schon unter den Zeitgenossen umstritten. Denn kurzfristig bewirkte die steigende Einwohnerzahl – ähnlich wie heute in Teilen der Dritten Welt – Versorgungsengpässe und strukturelle Arbeitslosigkeit. Mittelfristig führte sie in Europa jedoch zu größeren Binnenmärkten und höherer Produktivität. Vor allem die zunehmende Bevölkerungsdichte erleichterte im 19. und 20. Jahrhundert den Ausbau einer leistungsfähigen Infrastruktur. Entscheidend aber war: Die jungen Industriestaaten gewannen zusätzliche Arbeitskräfte, Soldaten und Steuerzahler. Das Mehr an Menschen bedeutete damit auch einen Zuwachs an Macht. Außerdem konnte Westeuropa einen Teil seines Bevölkerungsüberschusses "exportieren". Zwischen 1750 und 1950 emigrierten 60 bis 70 Millionen Europäer nach Übersee. Ihr wichtigstes Ziel waren die Vereinigten Staaten.

Die massive Zuwanderung ambitionierter Menschen schuf dort die Grundlage für den späteren Aufstieg zur Großmacht. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten die USA sogar dem ehemaligen Mutterland Großbritannien den Rang ablaufen. Ohne diese Öffnung für Zuwanderer unterschiedlichster Herkunft hätten die USA heute vielleicht nur die Bedeutung Kanadas oder Australiens, die beide britisch blieben. In Europa selbst spielte Großbritannien allerdings nie eine dominante Rolle. Hier hießen die großen Rivalen Frankreich und Deutschland – und für diese Rivalität gab es auch eine demografische Ursache: Seit der Reichsgründung von 1871 hatte Bismarcks Deutschland mehr Einwohner als die Grande Nation .