Viele Krisen hat er erlebt, diese könnte die letzte sein. Er ist 81 Jahre alt, er ist schwer krank, er fühlt seine Kraft schwinden und auch seine Macht. Das Werk, das er vom Großvater ererbt hat, entgleitet seinen Händen.

Fiat wird künstlich beatmet, schreiben die Zeitungen. Seine Manager bevölkern Schleudersitze, seine Arbeiter blockieren die Meerenge von Messina, den Flughafen von Mailand, die Innenstädte von Turin und Rom. Männer und Frauen, denen ihr Arbeitsplatz genommen werden soll, weil Fiat keine Autos mehr verkauft. Vor Weihnachten haben 5600 den Entlassungsbrief erhalten, weitere werden ihn bekommen. Weite Landstriche siechen durch die Fiat-Krise dahin, auf Sizilien, in Piemont.

Als die Agenturen im Frühling meldeten, der avvocato sei tot, zogen die Fiat-Aktien an der Börse an. Der Alte sperre sich vehement gegen das einzige Rezept, das dem Konzern zur Gesundung dienen könne, so reden sie in Turin.

Gianni Agnelli will nicht, dass die Fabbrica Italiana Automobili Torino ein Unternehmen ohne Autos wird. Und doch hat er am Ende seines Lebens womöglich keine andere Wahl.

Er war der padrone Italiens, er schien allgegenwärtig und allmächtig. Manche hat er durch ihr Leben begleitet, machte für sie das gute und das schlechte Wetter, und wenn sie ihn einmal trafen, ein einziges Mal, dann war das der Höhepunkt wie Hochzeit, Kindstaufe und Papstaudienz zusammen. Da ist der pensionierte Fiat-Arbeiter, der mit einem Verschwörerblick seine Brieftasche öffnet. Daraus zieht er ein Foto, nicht die Frau, nicht die Enkelkinder. Das Bild zeigt ihn, den kleinen, dunklen Süditaliener, neben einem großen, weißen Cäsarenkopf. Der Cäsar tätschelt dem Arbeiter die Schulter.

Plötzlich tauchte er auf bei der Abschiedsfeier, um uns allen Lebewohl zu sagen, erzählt der Mann vor dem Fiat-Werk Mirafiori in Turin. Das Foto ist schon ganz zerknittert. Der Mann fährt auch als Rentner noch zwei-, dreimal pro Woche mit der Tram bis zum Corso Unione Sovietica. Um nach dem Rechten zu sehen. Er lässt die Frau zwei belegte Brote in die abgewetzte Ledertasche packen. Er zieht seinen blauen Arbeitsoverall an. Die Brieftasche mit dem Foto vergisst er nie. Seinen Namen will er nicht sagen. Was soll denn sonst der avvocato von mir denken? Schon verschwindet er im Werktor Nummer sechs.

Der Dezemberwind fegt die letzten Blätter von den Bäumen. Still ist es hier, grau und kalt. Die Zeiten sind nicht gut für Fiat, für das Werk Mirafiori und für Gianni Agnelli.

Ein Industriekapitän als Sexsymbol: Weltgewandt und unwiderstehlich

Von der Knutschkugel Cinquecento, dem unverwüstlichen Kastenwagen Panda, dem schnörkellosen Uno sind die Italiener auf Vehikel aus Frankreich, Japan und Deutschland umgestiegen. Selbst die auto blu, die nachtblauen Dienstwagen in den Garagen des Regierungsviertels stammen zusehends aus ausländischer Produktion, die Minister fahren lieber Audi oder BMW. Die Marke Fiat, die den italienischen Markt einst mitsamt ihrer Töchter Lancia und Alfa Romeo unangefochten beherrschte, hat im Mutterland nur noch einen Anteil von 30 Prozent. Tendenz fallend. In Europa sackte der Markt in den vergangenen zehn Jahren um ein Drittel auf nur noch neun Prozent. Die traditionelle italienische Automobilausstellung in Turin wurde abgesagt.

Was Fiat nützt, nützt auch Italien, das ist vorbei. Es war das Motto der Agnellis, die sich im Dienste Italiens sahen und Italien im Dienste von Fiat.

Vergiss nicht, dass du ein Agnelli bist, das zweite Leitmotiv der Erziehung, das Gianni und seinen sechs Geschwistern von der englischen Gouvernante eingebläut wurde. Und von Großvater Giovanni, dem Firmengründer, der vor der Fiat-Pforte die Pfeife ausmachte, weil man im Dienst nicht zu rauchen hatte. Sein Foto steht bis heute auf dem Schreibtisch des avvocato.

Es ist ihre Bindung, die Beziehung zwischen dem 1945 gestorbenen Großvater und seinem Enkel, die Italien zusammengehalten hat, im vergangenen Jahrhundert. Das Jahrhundert, in dem Fiat zum Symbol des neuen Italien erwuchs, das sich vom Agrarland zu einem der wichtigsten Industriestaaten der Welt wandelte. 60 000 Menschen arbeiteten allein im Werk Mirafiori, bald lebten in der piemontesischen Königsstadt neben den 500 000 Alteingesessenen mehr als 700 000 Süditaliener. Nach dem Krieg produzierte Fiat jährlich zwei Millionen Autos.

Italien war mobil geworden, und Gianni Agnelli war der beweglichste aller Italiener. Überall und nirgends zu Hause, immer unterwegs, in schnellen Autos, die er selbst steuerte, während der Chauffeur auf dem Rücksitz saß.

Auf seiner Segelyacht, mit der er auslief, wenn alle anderen aus Angst vor der Sturmwarnungen im sicheren Hafen blieben. Er aber sagte: Ich liebe den Wind, denn den Wind kann man nicht kaufen, und er zog los, sich mit ihm zu messen. Oder er flog mit einem Freund nach Afrika, um nach einer halben Stunde wieder umzudrehen und Kurs auf die Alpen zu nehmen. Zu warm dort unten, war sein Kommentar. Hin und her, rastlos, immer auf der Flucht vor dem Stillstand. Und möglichst schneller als der Wind.

Nie war er ein Verlierer. Bei den Frauen zumal. Nur Dienstmädchen verlieben sich, sagte er seiner Schwester Susanna. Er eroberte Dutzende von Frauen, unter ihnen Rita Hayworth, Jackie Kennedy, die Churchill-Schwiegertochter Pamela. Gianni Agnelli, der die typische Erziehung der italienischen Oberschicht genossen hatte - eiserne Strenge und grenzenloser Luxus -, der mit 14 Jahren den Vater verlor und mit 24 die Mutter, wurde der erste internationale Playboy.

Erst im Alter von 45 Jahren wurde Agnelli der Chef von Fiat

Daran änderte sich nicht viel, als er 1953 die neapolitanische Prinzessin Marella Caracciolo heiratete, deren Urahn gegen Lord Nelson gekämpft hatte und über die Truman Capote sagte: Wenn Marella als Juwel in Tiffanys Schaufenster läge, wäre sie sehr, sehr teuer. Jedenfalls war sie sehr gebildet, sehr apart und sehr gut erzogen. Und sie hat unter den Affären ihres Mannes nicht wenig gelitten. In Giannis Augen muss eine Frau nicht geliebt, sondern erobert werden, sagte Marella Caracciolo einmal dem Journalisten Enzo Biagi.

Es waren die Jahre der Dolce Vita, der lebenshungrigen Nachkriegszeit, die für Gianni Agnelli bis 1966 dauerte: Es gab auch Möglichkeiten für meine Generation, sich zu amüsieren. Und ich habe mich amüsiert. Erst im Alter von 45 Jahren setzte er sich auf den Chefsessel bei Fiat. Für den Rest der Welt war er da schon eine Ikone - rasant charmant, weltgewandt, unwiderstehlich, ein Bild von einem Italiener. Ein Industriekapitän als Sexsymbol, ein Großkapitalist als Trendsetter: die Armbanduhr über dem Hemdsärmel, die Krawatte über dem Pullover. Die Inkarnation der Lässigkeit. Tausende kopierten ihn, als sei er ein Filmstar.

Mit den Jahren erschienen die Agnellis aristokratischer als das wahre Herrschergeschlecht Italiens. Omnipräsent, mächtig und weit verzweigt, zu ihrem Clan gehören heute um die 200 Mitglieder. Industrielle, Verleger, Modeschöpfer, viele Adlige. Die Prinzen von Savoyen, ebenfalls waschechte Turiner, wurden nach dem Krieg ins Exil geschickt und machten dort durch windige Geschäfte und Skandale von sich reden. Neben dem schönen und eleganten Gianni Agnelli wirkte der bullige, allenfalls durchschnittlich intelligente Kronprinz Vittorio Emanuele wie ein Vorarbeiter bei Mirafiori.

Er ist mit der Tochter eines Keksfabrikanten verheiratet, und ihr gemeinsamer Sohn macht im italienischen Fernsehen Werbung für saure Gurken aus Turin.

Saure Gurken! Als Vittorio Emanueles Vater starb, ließ Gianni Agnelli seine Mannschaft Juventus Turin mit Trauerflor am Trikotärmel auflaufen. Die Kritik an so viel Ehrerbietung für einen Verfemten rührte ihn nicht. Juve ist mein Besitz, und wie sie sich anziehen, bestimme ich. Von 1945 bis 1966 war er Präsident von Juventus Turin, wie sein Vater vor ihm und Bruder Umberto nach ihm.

In den 100 Jahren seines Bestehens hat Juventus fast immer den Agnellis gehört. Der avvocato behandelt den Klub wie ein römischer Imperator seine Wagenlenker, mit distanzierter Verliebtheit. Als er den Franzosen Michel Platini anheuerte, schickte er Madame Platini einen Strauß dunkelroter Rosen.

Den italienischen Schönspieler Alessandro Del Piero verglich er mit dem Renaissancemaler Pinturicchio - bis die Tore ausblieben. Da drohte der padrone: Wir warten nicht auf Godot. So wie er nie, auch nicht im spannendsten Match, auf den Schlusspfiff wartete. Die Cäsarenloge im Turiner Alpenstadion räumt der Agnelli-Clan stets eine Viertelstunde vor Spielende - nach ihnen die Sintflut.

Die Juve gehörte seit ewigen Zeiten den Agnellis, ein Stück italienische Identität wie die anderen Kronjuwelen des Imperiums: neben Fiat die Traditionszeitungen Corriere della Sera und La Stampa, der rote Rennfahrer-Mythos Ferrari, das vom Dandy-Dichter Gabriele D'Annunzio so getaufte Kaufhaus Rinascente. Keiner weiß, wie lange noch. Und ausgerechnet jetzt, stöhnt eine Turinerin, die den avvocato seit Kindertagen kennt, kommen die Savoyer aus dem Exil zurück. Die haben uns und Italien gerade noch gefehlt! Immerhin dürfen sie nicht mehr auf den Quirinal.

Auf Roms nobelstem Hügel residiert, im ehemaligen Sommerschloss der Päpste und dem nachmaligen Quartier der italienischen Könige, der Staatspräsident.

Gegenüber steht ein verschwenderisch schöner Barockpalast. Das ist die römische Residenz von Gianni Agnelli. Eine von vielen, natürlich, er besitzt Villen und Appartements in Turin, New York, Sankt Moritz, Paris. Seine Leidenschaft war das Häusersammeln nie. Er liebt das Wegsegeln, das Wegbrausen, die Bewegung. Festessen sind ihm ein Gräuel, wie eine römische Signora aus dem Umfeld des Staatspräsidenten berichtet, die oft bei den Agnellis eingeladen war: Eleganter ist es nirgends, aber satt wird man bei ihnen nicht.

Vieles hat sich verändert, Italien hat sich geändert. Als vor 20 Jahren erstmals Massenentlassungen bei Fiat bevorstanden, waren die Proteste der Arbeiter lauter und die Reaktionen der Öffentlichkeit engagierter. Die Macht der Agnellis berührte das nicht. Heute ist Ferrari an der Börse, wartet Fiats Automobilsparte auf die rettende Übernahme durch General Motors. Der Corriere della Sera gehört einer Verlagsgesellschaft, die sich gegen Berlusconis Strohmänner zur Wehr setzen muss, die Auflage der Stampa sinkt parallel zur Produktion des Fiat-Stilo, und bei Juventus ist der libysche Oberst Ghaddafi eingestiegen, der einst auch schon Fiat aus der Klemme half. Immerhin ist die alte Dame im Mai zum 26. Mal Meister geworden, doch der avvocato hat sie schon lange nicht mehr besucht. Auf der Ehrentribüne im Turiner Alpenstadion sitzt sonntags nur noch der Juventus-Generaldirektor Luciano Moggi, ein Mann, den Gianni Agnelli einmal als seinen Stallmeister bezeichnet hat. Im Mailänder Meazza-Stadion aber hält, wenn der AC Mailand mit Rivaldo, Rui Costa und Filippo Inzaghi stürmt, der neue padrone Italiens Hof. Es ist Silvio Berlusconi.

Italien zu regieren - das hatten die Agnellis nie nötig

Sicher hat der Alte ihn lange nicht ernst genommen, hat ihn vielleicht sogar verachtet. Der andere war ja kein Cäsar mit Adlerblick, sondern ein Verkäufer mit eisernem Lächeln. Er machte in Staubsaugern, Wohnpalästen, Fernsehshows.

Ist einer, der seinen Fußballern vor wichtigen Spielen Lorbeerrisotto servieren lässt, der als Regierungschef die Brieftasche für reuige Huren zückt und ihnen 5000 Euro schenkt für ein besseres Leben. Einer, dem der Schminkkoffer nachgetragen wird zu Pressekonferenzen, der sich die Haare färbt und hohe Absätze trägt. Einer, der die Ferien mit seinen treuesten Untergebenen verbringt, der riesige Yachten besitzt, aber sie selbst nicht steuert. Einer, der dem Wind nichts abgewinnen mag, weil er ihn nicht kaufen kann. Dem gehört jetzt Italien. Wenn ich könnte, würde ich auch Fiat übernehmen, hat Berlusconi gesagt. Ich würde die unfähigen Manager entlassen und die Firma umbenennen in Super-Ferrari. Eine Ohrfeige für den avvocato. Den entlassenen Fiat-Arbeitern riet der neue Herr im Land, mit Schwarzarbeit das Arbeitslosengeld aufzurunden. Die Mutterindustrie des Landes ist zum Abschuss freigegeben, und Gianni Agnelli, der Cäsar, ist zu schwach, um sich dagegen zu wehren.

Die Jahre der politischen Karriere des Silvio Berlusconi gehen einher mit der Götterdämmerung im Hause Agnelli. Er steigt auf, sie kämpfen mit Wirtschaftskrisen und Familientragödien. Eben noch ist Susanna Agnelli Außenministerin der Republik Italien, da muss die Regierung Prodi bereits die rottamazione einführen, 500 Euro Zuschuss vom Staat für jedes alte Auto, das gegen ein neues ausgetauscht wird. Eben noch betrauert der Agnelli-Clan den frühen Tod von Giovanni Alberto, dem Sohn von Giannis Bruder Umberto, der vom Onkel zu seinem Nachfolger an der Spitze des Fiat-Konzerns auserkoren war, aber 1997 im Alter von 33 Jahren an Krebs starb, da ereignet sich bereits ein neues Drama. Edoardo, der einzige Sohn des avvocato, nimmt sich das Leben, indem er sich von einer Autobahnbrücke stürzt. Edoardos Mangel an Lebenskraft, seine Depressionen und Drogenprobleme waren bekannt, aber kein italienischer Journalist verlor darüber ein Wort. Der Alte sei immer sehr distanziert zu seinen beiden Kindern gewesen, heißt es. Edoardos Tod hat ihn zerbrochen. Er zeigt sich nicht mehr in der Öffentlichkeit, er ist todkrank.

Nie hatten es die Agnellis, die seit drei Generationen im Senat zu Rom sitzen, nötig gehabt, Italien zu regieren. Das erledigten immer andere, zu denen sie beste Kontakte pflegten. Auch mit Berlusconi haben sie das versucht. Italien sei doch keine Bananenrepublik, rügte Gianni Agnelli die kritischen Berichte der Auslandspresse, und zum Zeichen seines Wohlwollens entsandte er in die Regierung Berlusconi seinen Vertrauten Renato Ruggiero als Außenminister und seinen früheren Schwiegersohn Alain Elkann als Berater im Kulturministerium. Doch Berlusconi drängte Ruggiero zum Rücktritt, als dieser einen unabhängigen Standpunkt verfocht. Elkann ging bald darauf. Sein ältester Sohn Jaki wurde vom Großvater als neuer Kronprinz auserwählt. Ein wohlerzogener Junge, blass und konturlos wie die Zukunft der Agnellis. Der Kapitalismus beginnt in der Familie, glaubt der avvocato. Vielleicht endet der italienische Familienkapitalismus mit ihm.

Am Ende seines Lebens wirkt er wie ein Besiegter, ein Mann von gestern, ein Fossil, das die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Sicher, die Alten tragen sein Foto in der Brieftasche. Die Jungen aber schauen die Fernsehshows der Mediaset, gehen abends in Berlusconis Kinos, lesen Bücher aus Berlusconis Verlagshäusern oder die Tageszeitung Foglio seiner Ehefrau. Sie haben eine Lebensversicherung bei Berlusconis Mediolanum und fahren Smart. Vor wenigen Wochen hat Gianni Agnelli, den alle nur den avvocato nennen, obwohl er nie als Rechtsanwalt gearbeitet hat, der Stadt Turin seine Gemäldesammlung übergeben. Renzo Piano schuf das Museum dafür, es schwebt über dem alten Fiat-Werk Lingotto. Der Volksmund hat das luftige Gebilde lo scrigno getauft, den Schrein. Er ist das Vermächtnis des alten avvocato.