Eine widerspruchsvollere Biografie haben nur wenige deutsche Politiker des 20. Jahrhunderts aufzuweisen: Gustav Stresemann war im Kaiserreich ein alldeutscher Imperialist gewesen. Im Ersten Weltkrieg hatte er zeitweilig das Baltikum und große Teile der französischen Nordküste bis Calais annektieren wollen. Nach der Revolution von 1918/19 brauchte er einige Zeit, um zum "Realpolitiker" und zum "Vernunftrepublikaner" zu reifen und als Außenminister der Jahre 1923 bis 1929 jene Verständigungspolitik mit den Westmächten, vor allem mit Frankreich, zu betreiben, die ihm einen bleibenden Platz in den Geschichtsbüchern gesichert hat.

Der englische Historiker Jonathan Wright hat jetzt eine Biografie Stresemanns vorgelegt, die auf umfassendem Quellenstudium beruht. Wer angesichts des Untertitels Weimars größter Staatsmann einen Beitrag zu unkritischer Heldenverehrung erwartet, wird angenehm enttäuscht. Der Autor übergeht keine Begebenheit und keine Äußerung, die geeignet waren und sind, Stresemann in politisches Zwielicht zu rücken. Er erwähnt seine Mitwirkung am Zustandekommen der skandalösen, vom preußischen Kriegsministerium angeordneten Zählung der kriegsdienstleistenden Juden im Jahr 1916 und seine Angriffe auf "jüdische" Zeitungen wie das Berliner Tageblatt und die Frankfurter Zeitung im Ersten Weltkrieg und in der frühen Weimarer Republik.

Stresemann war kein Antisemit, aber er bot mehr als einmal Anlass zu dem Vorwurf, er passe seine politischen Überzeugungen bedenkenlos den jeweiligen Umständen an. Wright behandelt ausführlich das opportunistische Taktieren Stresemanns und der von ihm geführten nationalliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) zwischen den Kapp-Putschisten und der verfassungsmäßigen Regierung im Frühjahr 1920. Er erörtert die wiederholten Avancen des Außenministers gegenüber der nationalen Rechten, die er, wenn auch vergeblich, von der Richtigkeit seiner Politik zu überzeugen versuchte.

Aber eine gewisse Grundsympathie für Stresemann ist unverkennbar. Verglichen mit den Deutschnationalen und namentlich deren Parteivorsitzenden in den Jahren nach 1928, Alfred Hugenberg, verglichen aber auch mit den Politikern auf dem rechten Flügel seiner eigenen Partei, erscheint Stresemann als Verkörperung der politischen Vernunft. Er war der bürgerliche Politiker der Weimarer Republik, der am klarsten erkannt hatte, dass es für Deutschland keine verantwortbare Alternative gab zu einer Politik des Ausgleichs nach innen und nach außen: der Verständigung zwischen den gemäßigten Kräften in der Arbeiterbewegung und im Bürgertum und der Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern.

Die Bekehrung des Anhängers der Monarchie zum "Vernunftrepublikaner" setzte bald nach dem Scheitern des Kapp-Lüttwitz-Putsches und der ersten Reichstagswahl vom 6. Juni 1920 ein. Der Lernprozess fand seinen vorläufigen Abschluss nach der Ermordung des Reichsaußenministers Walter Rathenau durch Rechtsradikale am 24. Juni 1922. Stresemann brachte die DVP dazu, dem vom Minderheitskabinett Joseph Wirth eingebrachten Gesetz zum Schutz der Republik und der parlamentarischen Verlängerung der Amtszeit des vorläufigen Reichspräsidenten, des Sozialdemokraten Friedrich Ebert, zuzustimmen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1922 hatte Stresemann das Stadium der bloß vernunftmäßigen Bejahung der republikanischen Staatsform bereits hinter sich gelassen. Wright bescheinigt ihm zu Recht ein gewisses Maß an gefühlsmäßiger Identifikation mit der Republik.

Korrektur der Ostgrenzen

Als Reichskanzler an der Spitze einer Großen Koalition, die von der Deutschen Volkspartei über das katholische Zentrum und die linksliberale Deutsche Demokratische Partei bis zu den Sozialdemokraten reichte, bestimmte Stresemann auf dem Höhepunkt der deutschen Staatskrise von 1923, dem Jahr der französisch-belgischen Ruhrbesetzung, der Hyperinflation und mehrerer gewaltsamer Umsturzversuche, drei Monate lang, von August bis November, die Richtlinien der deutschen Politik. Er trug in diesem kurzen Zeitraum wesentlich dazu bei, dass die parlamentarische Demokratie erhalten blieb und die Sanierung der zerrütteten Währungsverhältnisse gelang.