Keine Woche vergeht, in der nicht die 68er-Generation für Reformstau und Pisa-Elend, für "Visionsdefizite", Antiamerikanismus oder zunehmende Scheidungsraten verantwortlich gemacht wird. Vor allem die Lehrer, auch die jüngsten, werden in Deutschland automatisch als 68er abgestempelt. Also: "Schuldig." Derlei Schauprozesse laufen zumeist in der Welt, die selbst in der Hand von einigen konvertierten, ehemaligen 68ern zu sein scheint, die immer neue Abrechnungen mit ihrer eigenen Biografie zu Papier bringen. Und diese kommen - in einem Wort ihrer eigenen Alterskohorte - heimlich als hartnäckige "Schuld- und Schamarbeit" daher.

Als solche würde sie jeder Leser leichter erkennen, wollten die Autoren ihre Artikel mit dem je eigenen Geburtsdatum kennzeichnen. Der Kommentator Michael Stürmer zum Beispiel, der zu jenen zählt, die um 1967/68 zwischen 18 und 30 Jahre alt waren, hat vorige Woche seinen Lesern die deutsche Außenpolitik erklärt: "Dass die Vereinten Nationen als Debattierverein abgetan werden, zeigt Ahnungslosigkeit und Zynismus. Leichtsinn und Großtuerei treffen sich beim 68er Teach-in." Dort also sitzen die beiden Genossen und machen sich immer noch Notizen. Und wer ist sonst noch da?

Die berühmtesten 68er, die unter uns weilen, sind zweifellos Günter Netzer, Paul Breitner und Franz Beckenbauer. Der eine hatte Visionen in der Tiefe des Raumes (so wurde er Millionär), der andere war vorübergehend ein waschechter Maoist, Miterfinder der kritischen Raumdeckung und kam bisweilen über links, und der dritte verkörperte durch sein schweißfreies, anstrengungsloses Stellungsspiel die Karriere-Hoffnungen aller nachfolgenden Aufsteiger. Auch war er der erste 68er, der sich bereits mit 20 Jahren einen eigenen Proletarier leisten konnte, den Abwehrrecken Schwarzenbeck - ein fußballernder Gewerkschaftstyp mit protestantischem Arbeitsethos, der auch mal "in den Betrieben holzte" (Willy Brandt).

Die gute alte Profitrate

Andere 68er, die sich in Frankfurt oder Berlin auf theoretisches Glanzniveau emporschrieben und ihre Promotionsentwürfe in der edition suhrkamp oder bei rororo-aktuell veröffentlichten, hießen sie nun Lefevre, Rabehl, Amendt oder Kadritzke I und II, gehen der Pensionierung entgegen. Fritz Teufel, Rainer Langhans und Uschi Obermaier existieren hauptsächlich im Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die RAF, das blutige Zerfallsprodukt jener Jahre, ist mausetot. Wir leben in der Zeit der Gala-Leser, und sie verbindet kulturell nicht mehr mit jener Epoche als die damalige Zulassung der Pille.

Man könnte sagen, dass es eigentlich keine bekennenden 68er im signifikantdiffamatorischen Wortsinn mehr gibt. Genauer gesagt, wollten sich alle wirklichen SDS-Mitglieder jener Jahre (einige Dutzende, die sich ernsthaft durch Lenins plagiatorische Imperialismustheorie gequält haben) zu einem Klassentreffen verabreden, könnten sie sich im Wohnzimmer des Frankfurter Aufbau-Verlegers Bernd Lunkewitz zu einem Sit-in mit Chardonnay versammeln. Ihn hatte das Studium des Kapitals zu der Einsicht geführt, dass der tendenzielle Fall der Profitrate den Immobilienhandel als allerletzte Nische der allgemeinen Entfremdungsgeschichte ruinieren dürfte. So wurde er vorher steinreicher Grundstückshändler.

Andere 68er traten in die SPD ein, wo sie von der revisionistischen Praxisgruppe um Wehner, Schmidt, Vogel, Scharping und Schröder oder Lafontaine (Aufbau-Organisation Keynes) im Laufe der Zeit ausgebremst wurden.