Klaus Dröges Frau ist voller Hoffnung, als ihr Mann sich Ende Juni vorigen Jahres in Berlin von ihr verabschiedet, um nach Tiflis zu fliegen. Es sieht so aus, als wäre das lange Leid des Paares bald vorbei. Er hat versprochen, endgültig zu ihr zurückzukehren, nach mehr als zehn Jahren Trennung. Er arbeitete in Osteuropa, kam ein oder zweimal im Jahr nach Hause. Nur diese eine Reise sei noch nötig, sagt er, um das kleine Speditionsgeschäft, das er aufgebaut hat, in vertraute Hände zu legen. Er will es von Deutschland aus führen, kein Problem im Zeitalter des Internet.

In Tiflis hat Klaus Dröge nie jemandem von dem Plan erzählt. Man kann ihn nicht mehr fragen, ob er wirklich vorhatte, was er sagte, weil er ein paar Tage nach seiner Ankunft verschwand.

Dies ist die Geschichte von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen.

Eine Erdgeschosswohnung, ewiges Dämmerlicht, fleckige Wände, im Bad Kakerlaken. Ein altes Sofa, Schrankwand, die braunen Vorhänge geschlossen. Ausgestopfte Tiere. Bärenfell, Hirschkopf, Adler, furchterregend die Zähne fletschend, das Geweih senkend, die Schwingen ausbreitend. Viel Staub. Eine Schlafcouch. Zwei Nebenräume mit Arbeitstischen, Computern. Schränke, voll gestopft mit leeren Flaschen, Aktenordnern, Müll. Ein paar Bücher, darunter Die Spur des Dschingis Khan.

Klaus Dröge kam aus Ostberlin und wohnte acht Jahre an diesem düsteren Ort, Barnovi-Straße1, im Zentrum von Tiflis. Er lebte in vielerlei Hinsicht im Dunkeln, ein Einzelgänger und Glückssucher wie viele Deutsche in Georgien. Seit dem 1. Juli hat ihn niemand mehr gesehen. Er könnte entführt worden sein oder ermordet, wie mehrere Ausländer zuvor. Der Präsident Eduard Schewardnadse soll getobt haben, als er von Dröges Verschwinden erfuhr. Georgien braucht Ausländer, sie sollen das bankrotte Land retten, sie sollen investieren. Die Polizei fand keine einzige Spur.

Dröges ehemalige Angestellte Nadja Gendsekhadse sperrt die schwere Metalltür zu dem Wohnbüro auf, wo sie bis vor ein paar Wochen gearbeitet hat. Es könnte Schauplatz eines Verbrechens gewesen sein.

Sie beginnt Tassen abzuspülen, als wäre wieder Kaffeepause, als säße Klaus Dröge ein Zimmer weiter an seinem Schreibtisch. Er war Spediteur, transportierte Konsumgüter aus dem Westen, Nahrung, Medizin, Computer. Für die vier Mitarbeiter ein anspruchsloser Job: am Telefon Aufträge annehmen, Lastwagen mieten, dafür sorgen, dass die Container und Kisten nicht abhanden kamen. Im Bad fand die Polizei Blutspritzer am Waschbecken, an der Toilette – als hätte jemand auf dem Boden größere Mengen Blut weggewischt. Nach ersten Untersuchungen nicht Dröges Blut. Das spricht gegen die Mordthese. Nadja Gendsekhadse glaubt, dass Dröge untergetaucht ist, "wegen irgendwelcher Probleme". Sie führte mit den Kollegen die Geschäfte weiter, bis die Aufträge ausgingen.

Sie ist 23 Jahre alt, hat in der Schule Deutsch gelernt. Lieber hätte sie bei einer internationalen Organisation gearbeitet, aber sie hätte Schmiergeld zahlen müssen, um dort einen Job zu bekommen, sagt sie. Sie ging zu Dröge, "Erfahrungen machen" – für einen Lohn von 200 Lari im Monat, 100 Euro. Was für ein Mensch! Lässt Frau und Sohn zurück in einem reichen Land, lebt lieber in Georgien, mit Armut, Korruption. Gibt keine Antwort, wenn sie ihn fragt, warum. Hat nie Lust, in die Heimat zu fahren, wenn die Geschäfte es erfordern; kommt immer viel früher zurück als geplant. Ein verschlossener Mann, der immer eine zerfledderte Lederjacke trägt, selbst bei Empfängen. Der eine Zigarette nach der andern raucht und manchmal schon frühmorgens betrunken ist.