Geht Lonnie Thompson in sein Labor am Byrd Polar Research Center in Columbus (Ohio), muss er sich warm anziehen. Seine Studienobjekte lagern bei minus 40 Grad in zwei riesigen Räumen: Bohrkerne von Gletschern aus aller Herren Länder, insgesamt mehr als sechs Kilometer Eis, für Thompson "die gefrorene Geschichte der Erde". In den Gletscherbohrkernen sind regionale Klimaschwankungen aus mehreren hunderttausend Jahren gespeichert, in einer chemisch codierten Geheimsprache. Lonnie Thompson ist einer ihrer Übersetzer.

Als Paläoklimatologe will er aus den frostigen Kolben die Klimageschichte der Erde rekonstruieren, um Ursachen und Folgen bestimmter Klimaphänomene besser zu verstehen: "Das Eis ist ein perfekter Speicher für alles, was sich je in der Atmosphäre befand."

Das sind mitunter Stoffe, die da gar nicht sein sollten, wie radioaktive Isotope von Atombombenexplosionen aus der Zeit des Kalten Krieges. "Ein richtig großer Knall war der sowjetische Test von 1961/62. Den finden wir in all unseren Bohrkernen", sagt Thompson. Solch typische Signale helfen ihm, seine "Jahresringe" im Eis zu datieren. Stundenlang in einer riesigen Gefriertruhe Eis anzuschauen, das ist der gemütliche Teil seines Jobs. Der andere beschert ihm wochenlang Trockennahrung und abwechselnd Frostbeulen, Lawinen oder Höhenkrankheit. Einmal hat gar ein Gipfelsturm sein Zelt weggerissen und es - samt eingemummtem Thompson - auf einen steilen, 3000 Meter tiefen Abgrund zugetrieben. Im letzten Moment konnte er seinen Pickel durch den Zeltboden ins Eis rammen und sich retten.

Thompsons eigentlicher Arbeitsplatz sind die höchsten Berggipfel der Welt, wo Sauerstoff knapp ist und es noch kälter sein kann als im universitären Eiskeller. Auf den Höhen der Anden, des Kilimandscharo oder des Himalaja vermessen er und sein Team die Gipfelgletscher. Dann packen sie ihren eigens dafür konzipierten "Leichtgewichtbohrer" aus (der dennoch mehrere Tonnen wiegt) und versuchen, aus den Gletschern möglichst lange, rund zehn Zentimeter dicke Eiskerne zu ziehen. Das macht er schon bald 30 Jahre, und so gilt er als einer, wenn nicht der Begründer der hochalpinen Paläoklimatologie im Tropengürtel der Erde.

Weltrekorde nebenbei

"Thompson ist ein Pionier, das muss man neidlos anerkennen. Er ist von Gipfel zu Gipfel gezogen, um Bohrkerne zu ziehen und eine globale Perspektive zu erhalten", sagt Wilfried Häberli, Glaziologe an der Universität Zürich und Direktor des World Glacier Monitoring Service (WGMS). Thompsons Bohrkerne haben unter anderem gezeigt, dass auch die Tropen, die lange als klimatisch relativ stabil galten, heftigen Klimaschwankungen unterworfen sind.

Beobachtungen, auch anderer Forscher, zeigen: Die Berggletscher ziehen sich fast überall zurück, zum Teil sogar drastisch. "Die Bohrkerne zu bergen und zu konservieren ist extrem wichtig. Denn die gibt's bald nicht mehr", sagt der Innsbrucker Glaziologe Georg Kaser. "Es ist wirklich toll, was Thompson da leistet."