Es geschah im Schuppen neben dem Kraftraum. In Ost-Berlin, am Prenzlauer Berg, im spartanischen Geräteschuppen, teilte die Trainerin Pillen aus, bunt wie Smarties. Das Mädchen Birgit war etwa 13 Jahre alt, als zum ersten Mal auch die hellblauen dabei waren. Was sin'n dett für welche?, fragte die Göre aus Pankow. Mach hinne, habe die Trainerin geantwortet, und da schluckte das Mädchen, weil es aus Erfahrung wusste: Noch einen Mucks, dann gibt's zehn Strafrunden à 400 Meter. Und kein Kugelstoßer rennt gern, sonst wäre er ja Läufer geworden.

Heute sitzt Birgit Boese, geborene Pabst, im Westen der Stadt, in einem Verwaltungsgebäude im hintersten Winkel des Olympiaparks. Dorthin verlaufen sich nicht einmal besoffene Hertha-Fans. Vorbei an den Becken des Schwimmstadions, in denen die Brühe vom vergangenen Sommer gammelt, vorbei an den Reitpferden am Fuß des Glockenturms: Dann steht man vor der Tür der Dopingopfer-Beratungsstelle. Vorhin hat eine Person, die nicht eindeutig als Frau oder Mann zu erkennen war, mit hängenden Schultern das Büro verlassen.

Im Damenvolleyball hat sie eine olympische Silbermedaille gewonnen. In der Stimmlage eines Tenors sagt sie: Letzte Woche, als Frau Boese krank war, hätte ich fast wieder zu saufen angefangen.

Jetzt ist Birgit Boese wieder allein in der Beratungsstelle. Die Pausbacken und der kecke Mund geben ihrem Gesicht mädchenhafte Züge, nur die braunen Ringe unter den Augen passen nicht dazu. Ihre dunklen Locken haben Grau angesetzt. Sie ist 41 Jahre alt, ihre Arme liegen schwer auf dem Schreibtisch, eine weite rote Leinenjacke verhüllt den Leib. Seit 15 Jahren wiegt sie 30 Kilo zu viel. Auch das hängt mit den blauen Pillen zusammen.

Ein Medizinball donnert gegen den Schuppen, in dem einst der Leidensweg der Birgit Boese begann. In der Paul-Heyse-Straße am Prenzlauer Berg befindet sich heute ein Sportgymnasium, benannt nach Pierre Coubertin, dem großen Idealisten des olympischen Gedankens. Ein Kugelstoßer trainiert die Schnellkraft: Sein angewinkelter Arm explodiert zur Geraden, 20-mal hintereinander bollert der schwere Ball gegen die verwitterten Holzplanken.

Pause, der Athlet lehnt sich zur Erholung auf das Geländer, sein Atem zieht in Schwaden durch die kalte Luft. Kein Trainer übt Aufsicht über den Kugelstoßer, der macht sich selbstdiszipliniert an die nächste Zwanzigerserie.

Das Mädchen Birgit genoss das Gefühl, etwas Besonderes zu sein