Eine Mobilmachung per Fernsehshow? Am Tag nach Weihnachten führte der französische TV-Moderator Michel Drucker seine Zuschauer auf den nuklear angetriebenen Flugzeugträger " Charles de Gaulle". Der erst zwei Jahre alte 40000-Tonner, der wegen ständiger Pannen im Mittelmeerhafen von Toulon liegt, soll bis Ende Januar wieder flottgemacht gemacht werden. Die "Nacht auf der Charles de Gaulle" sollte mit einem Star-Aufgebot von Jane Birkin bis Jonny Halliday auch eine Ehrenrettung des ramponierten Prestigeschiffes sein.

Doch die Show erntete einiges Kopfschütteln. Denn im Januar haben die Franzosen den Vorsitz im UN-Sicherheitsrat übernommen, und wenn am 27. Januar der Schlussbericht der UN-Waffenkontrolleure zum Irak kommt, müssen sie sich für oder gegen einen Militärangriff entscheiden. Im Vorfeld kritisierte der Vorsitzende der linken Oppositionspartei PS in der Nationalversammlung, Jean-Marc Ayrault, die Franzosen drohten durch ihre militärischen Vorbereitungen in blinde Gefolgschaft mit Amerikas Krieg-um-jeden-Preis-Politik zu verfallen. Auch Le Monde bezweifelte, dass die Fernsehnacht auf dem Flugzeugträger ein kalendarischer Zufall war.

Gleichwohl wäre es übertrieben, von Säbelrasseln in Frankreich zu sprechen. Im Gegensatz zu den Deutschen beherrschen die Franzosen die Kunst, mäßigende Friedensworte mit energischen Taten zu kombinieren. "Krieg ist das, was übrig bleibt, wenn man alles andere versucht hat", erklärte Ministerpräsident Jean-Pierre Raffarin. "Aber wir werden alles versuchen, um den Krieg zu vermeiden." Präsident Jacques Chirac hat mit dieser Politik dafür gesorgt, dass die Franzosen zu einem der wichtigsten Gesprächspartner Amerikas aufgestiegen sind.

Vergessen sind die Rempeleien des ehemaligen sozialistischen Außenministers Hubert Védrine gegen die "unilaterale und simplizistische Hypermacht Amerika". Chirac, der seine vehemente Amerika-Kritik wie beim deutsch-französischen Gipfel in Schwerin nur hinter geschlossenen Türen preisgibt, vermochte mit seiner klugen Strategie einer zweistufigen UN-Resolution den Amerikanern zu signalisieren, dass die Franzosen zwar deren Grundhaltung teilen, nicht aber deren Methoden. So können es sich in Paris selbst ranghohe Verteidigungsexperten leisten, Amerikas Rolle gegenüber Bagdad frech mit der eines Polizisten zu vergleichen, der den Namen des Mörders kennt, aber die Leiche nicht finden kann.

Auch verteidigungspolitisch macht Frankreich neuerdings große Anstrengungen. Der Wehretat wurde für 2003 um 6,1 Prozent erhöht und ist mit 40 Milliarden Euro neben Großbritannien der größte in Europa. Beim Umbau ihrer konventionellen Territorialarmee in eine Spezialtruppe für Ferneinsätze sowie bei der Abschaffung der Wehrpflicht zugunsten einer Berufsarmee marschieren die Franzosen vorneweg.

Auch wenn in Frankreich niemand bezweifelt, dass die eigene Armee im irakischen Ernstfall einsatzbereit wäre, so wird das Votum Frankreichs im UN-Sicherheitsrat noch von einem anderen Konfliktherd beeinflusst: von den blutigen Unruhen in der ehemaligen Kolonie Elfenbeinküste, wo die Franzosen ihre Einsatzkräfte auf 2500 Mann aufgestockt haben. Es droht die Destabilisierung ganz Westafrikas. Frankreich wird angesichts dieser Gefahr einen Angriff auf den Irak umso sorgfältiger abwägen – und den nur bedingt einsatzbereiten Flugzeugträger vielleicht doch lieber daheim behalten.