Harm, hör endlich auf mit dem Lärm!", schrie die Mutter, als ihr 12-jähriger Sohn auf der Kühlerhaube ihres Autos saß und zur Gitarre sang. Sie hatte ihm die erste Gitarre gekauft, später gab es ungefähr ein Dutzend Leute, die ihm seine erste Gitarre geschenkt hatten. "Ich hätte eine ganze Wand in meinem Haus mit allen meinen ersten Gitarren dekorieren können", sagte Hank Williams. Später, das bedeutet, als er auf der Höhe seines Ruhmes war, ein Mann Mitte 20, der seinen 30. Geburtstag nicht erleben sollte.

Die Geschichte des Country-Sängers Hank Williams - von seiner Mutter Harm gerufen -, der am 1. Januar vor 50 Jahren auf dem Rücksitz seines Cadillacs starb, besteht aus so vielen traurigen Legenden und guten Geschichten über schlechte Zeiten, dass es eher verwundert, wenn eine Biografie die Fakten erzählt und die Geschichten doch lebendig bleiben. 1994 veröffentlichte der amerikanische Autor Colin Escott zusammen mit den Hank-Williams-Aficionados und -Experten Bill Mac Ewen und George Merritt die definitive Biografie Hank Williams - Das Leben einer Country-Legende, eine Gemeinscha ftsarbeit, für die Colin Escott die Sprache und den gemeinsamen Stil lieferte (deutsche Fassung beim Hannibal Verlag). Manchen Lesern war das fast zu viel - so genau wollte man es bei aller Begeisterung nun doch nicht wissen -, und so empfinden es sicher viele als angenehm, wenn die Hörbuchfassung die Geschichte des "Poeten der Ängste und des Versagens" (Greil Marcus) nun auf drei CDs kürzt, doch immerhin mit vier Stunden Laufzeit.

Es ist eine seltsame Erscheinung um den heiligen Trinker, wenn gutbürgerliche Journalisten zum Todestag genussvoll diese Leidensgeschichte nacherzählen, vom kaputten Vater im Heim, von der ehrgeizigen Mutter, die vom schmächtigen Sohn den Lohn der Investition zurückfordert, von einer Ehefrau, die ihren Mann mit den falschen Mitteln retten will. Als der schmächtige Hiram am 17.

September 1923 geboren wird - nach Hiram von Tyros aus dem Buch der Könige -, wächst er in eine Welt von Farmern und Holzfällern hinein, in der ein spindeldürrer Junge mit chronischem Rückenschaden kaum eine Chance hat. Von Westernfilmen ebenso beeindruckt wie von Kirchenliedern, bekommt er mit acht seine erste Gitarre und fängt mit elf an zu trinken. Die Karriere beginnt auf der untersten Stufe des Showbiz, in Montgomery, im weißen Hillbilly-Milieu, das nur eine Stufe über jenen schwarzen Bluessängern liegt, die auf der Straße singen. Und doch ist es genau diese Nähe zum schwarzen Erbe, die ihn später aus dem Country-Land herausführt.

"How about cookin' ..." - je mehr er die Songs der Schwarzen einsaugte, umso stärker konnte er die weiße Sentimentalität ausdünsten. Zu viel Weiß verdirbt den Country-Cocktail, bei Hank Williams stimmt der schwarze Anteil, die Assimilationsfähigkeit seiner Songs zum Soul, zu Reggae, zum Rock 'n' Roll ist grenzenlos. Umso erfreulicher und ein wahrer Genuss also, wenn dem Hörbuch eine vierte CD beiliegt, mit einer Spannbreite von Dinah Washington bis zu den Residents, acht seiner Kompositionen singt er selbst.

Der Schauspieler Dominic Raacke - Tatort-gestählt und mit tiefer Stimme - liest diese Ballade vom Aufstieg und plötzlichen Ende dieser ausgemergelten Gestalt distanziert entspannt, dramatisiert zum Glück nicht, was ohnehin tragisch genug ist. Auch die Biografie wird immer wieder von Song-Fragmenten durchzogen, von Ansagen Hank Williams', die ebenso schlicht sind wie sein Charakter. Manchmal scheint es, als wolle er beweisen, dass er bei allem Ruhm einer von uns ist. "He, Hermann, bring mir das Ketchup!", ruft er - ganz American bad boy - bei einer Deutschlandtournee 1951, wenn er wieder mal ein Essen nicht kennt. Keine Frage, da dichtet kein Shakespeare des Volkes, sondern ein Mann, dem der blanke Schmerz die Zeilen vorsagt, ob er an seiner Mutter, Frau oder an seinem verwachsenen Rückgrat leidet und sich mit einer Mischung aus Aspirin, Morphium und Alkohol zu betäuben versucht.

"Nobody had a talent for making suffering enjoyable like Hank Williams", stellte der Sänger Kris Kristofferson fest. Dem einen öffnet es die Ohren, wenn er nur die Titel dieser Klassiker des 20. Jahrhunderts hört wie Jambalaya, I'm So Lonesome I Could Cry, You Win Again, Lost Highway oder I Never Get Out Of This World Alive, dem anderen entfaltet sich diese Biografie immer stärker zu einem Modellfall aus der amerikanischen Mythologie. Wer Geschmack daran findet, darf dann ein paar Jahre später bei Elvis Aaron Presley weiterhören. Konrad Heidkamp