die zeit: Haben liberale Erziehungsmodelle ausgedient? Brauchen wir mehr Gehorsam und Disziplin – mehr "Preußentum"?

Gisela Miller-Kipp: Es geht in der Erziehung immer um beides, um liberale und um konservative Erziehung, also das, was man preußische Tugenden nennt: Gehorsam, Disziplin und Fleiß. Individuelle Verantwortung und kollektive Verpflichtung müssen in Einklang gebracht werden.

zeit: In den USA boomen Schulen, die auf militärischem Drill aufbauen. Sind Aufmarschieren und Salutieren angemessene Formen der Betreuung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen?

Miller-Kipp: Gerade wir Deutschen haben ja mit militärförmig organisierter Erziehung und Formen der Lagererziehung desaströse Erfahrungen gemacht. Die boot camps und military academies in den USA sind ja ein Indiz für gesellschaftliches Versagen. In bestimmten Milieus oder Schichten der Gesellschaft, in den sozialen Brennpunkten, misslingt Erziehung, beziehungsweise das gesellschaftliche Ziel, im Generationswechsel politisch und sittlich mündige Subjekte heranzubilden. Ich habe Zweifel, ob die erforderliche Sensibilisierung zu kollektiver Verpflichtung einerseits und individueller Verantwortung andererseits in so dynamischen Gesellschaften wie den westlichen durch militärischen Drill anerzogen werden kann.

zeit: Sind also Kinder und Jugendliche, die sehr autoritär erzogen werden, den Anforderungen der offenen Gesellschaft nicht gewachsen?

Miller-Kipp: Vor allem während der Pubertät kann es sehr hilfreich sein, Ordnung oder Regeln vorzugeben. Aber das muss vorübergehend bleiben. Heranwachsende müssen in die Lage gesetzt werden, ihren Platz in der Gesellschaft selbst zu finden und zu bestimmen.

zeit: Welche Konsequenz hat denn ein autoritärer Führungs- und Erziehungsstil für die weitere Entwicklung eines Jugendlichen?