Die Vorgänge zwischen den USA und dem Irak erinnern an La Fontaines Fabel Der Wolf und das Lamm. Der Wolf steht an der höher gelegenen Stelle eines Bachs und beschuldigt das weiter unten stehende Lamm, sein Wasser zu trüben. Trotz der offensichtlichen Unlogik seines Vorwurfs frisst er das Lamm zur Strafe auf. Ebenso offensichtlich haben die Vereinigten Staaten keinen Grund, den Irak im Rahmen ihrer Anti-Terror-Offensive anzugreifen. Es ist keine Verbindung zwischen dem Irak und al-Qaida erkennbar, und nie wurde bewiesen, dass der Irak an aktuellen terroristischen Aktionen beteiligt war. Auch gibt es keine Beweise für den Besitz von Massenvernichtungswaffen, zumal dieser ein Argument wäre, ebenso gut andere Staaten anzugreifen. Der Irak unterwirft sich allen Forderungen der Vereinten Nationen. Doch was er auch sagt oder tut, er trübt das Wasser der USA. Und so wird es zum Angriff kommen.

Menschen, die an panischer Angst vor Krebs leiden, reicht es nicht zu wissen, dass sie keinen haben. Beruhigen würde sie nur die Tatsache, dass es Krebs grundsätzlich nicht gibt. Nichts anderes verlangen die USA vom Irak. Es ist bekannt, dass der Irak ein alter Verbündeter der USA ist. Sie ermutigten ihn zum Krieg gegen den Iran, schwiegen beim Einsatz von chemischen Waffen, ja sie unterstützten ihn sogar bei der Entwicklung biologischer Waffen. Schließlich griffen sie ihrerseits den Irak an, drangen aber nicht bis Bagdad vor und schonten also das Regime von Saddam Hussein. Ebenso ist bekannt, dass sich die USA in diesem Krieg mit dem theokratischen Regime Saudi-Arabiens verbündeten. Die Demokratisierung der Region war weder ein erklärtes noch ein verstecktes Ziel der USA. Ebenso wenig war es die Befreiung des irakischen Volkes, das allein den bitteren Preis für die Weigerung der USA, das Regime zu beseitigen, zahlen musste. Das irakische Volk wurde mit Hunger, hoher Kindersterblichkeit und Vertreibung bestraft, während das Regime immer repressiver wurde. Das Verhalten der USA gegenüber dem Irak ist eine allein auf Macht gestützte Aggression.

Den Europäern genügt dieses Wissen, um gegen den Krieg der Amerikaner zu sein. Sie finden keine einsichtigen Argumente für den Angriff, manche lehnen Krieg prinzipiell ab. Den Arabern reicht dieses Wissen aber nicht. Der Sachverhalt ist komplexer. Das Regime Saddam Husseins ähnelt weitgehend den Regimen Stalins und Hitlers, wie sie Hannah Ahrendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft beschrieben hat. Das irakische Regime existiert seit 34 Jahren, und ich glaube, dass kein aufgeklärter Araber dieses Regime länger tolerieren will beziehungsweise die Chance nicht ergreifen würde, sich seiner zu entledigen.

Natürlich kennen auch die Europäer die Verbrechen Saddams. Sie haben auch Recht, wenn sie meinen, dass nicht die USA das Schicksal des irakischen Regimes bestimmen sollten, sondern das irakische Volk. Wenn wir allerdings in Betracht ziehen, dass das Regime bereits über 30 Jahre existiert, kommen Zweifel an der europäischen Position auf. Totalitäre Regime in der arabischen Welt sind oft langlebig, das saudische ist fast ein Jahrhundert alt. Selbst Völker mit mehr Demokratieerfahrung, wie manche in Osteuropa, haben länger Diktaturen geduldet, als das irakische System heute existiert. Sie wären nicht befreit worden, wenn die Sowjetunion nicht zusammengebrochen wäre.

Es gibt nicht viele Völker, die sich selbst befreit haben, und selbst in Europa gibt es wenige mit einer kontinuierlichen demokratischen Vergangenheit ohne Zwischenspiel dunkler Diktaturen. Das zeigen die Beispiele Deutschlands, Österreichs, Italiens, Spaniens und Griechenlands. Wir sollten begreifen, dass die Selbstbefreiung der Völker kein heiliges Prinzip ist. Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und der Zusammenbruch des Sowjetreiches legen die Einsicht nahe, dass eine Entheiligung dieses Prinzips notwendig ist.

Historische Traumata, die Verquickung von Ideologien, Parteien und Nachrichtendiensten, Korruption samt Abwesenheit demokratischer Traditionen können eine Gesellschaft bis zum Verlust ihrer moralischen Widerstandskraft lähmen. Diese Einsicht ist auch notwendig, um der Ansicht zu begegnen, die Unfähigkeit zur Selbstbefreiung sei nur ein arabisches, islamisches Phänomen. Das ist keine Ausrede dafür, dass die arabische Welt von Diktatoren beherrscht wird, und auch keine Ausrede für deren konfuse historische Entwicklung. Ich will nur deutlich machen, dass die Entscheidung, die Völker ihre Probleme allein lösen zu lassen, nicht immer ein Gebot des Respekts vor ihrer Unabhängigkeit und ihrem Willen ist. Oftmals ist es eher eine Art Trotzhaltung gegenüber ihrer Unverbesserlichkeit oder eine versteckte Resignation, um nicht zu sagen: eine verhüllte Verachtung.

Was sollen wir tun? Sollen wir zulassen, dass die USA, wie sie vorgeben, diejenige demokratische Hilfe anbieten, die der Irak benötigt? Wenn wir ihre Kriegsargumente prüfen, so stellen wir fest, dass Demokratie und Befreiung des irakischen Volkes an letzter Stelle stehen. Es hat eher den Anschein, als ob diese Ziele nur der Beschönigung der eigentlichen Invasionsabsicht dienen. Denn sollte der Irak Massenvernichtungswaffen besitzen, wäre er damit weder der einzige Staat auf der Welt noch in der Region. Im irakisch-iranischen Krieg wurde, wie man später feststellte, immer wieder von biologischen Waffen Gebrauch gemacht, ohne dass die USA protestieren oder dieser Tatsache überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt hätten.

Es geht den Amerikanern also um mehr als nur um Saddam. Es geht um die Vernichtung der irakischen Stärke, auch für die Zeit nach seinem Sturz. Dies beendet die Balance in der Region. Israels Macht, die sich in der anderen Waagschale befindet, wird nicht infrage gestellt. Damit kommen wir zu einer anderen, in der arabischen Diskussion immer wiederkehrenden Erklärung für die amerikanische Invasion. Sie besagt, meist ohne ausreichenden Beleg, dass die USA als eigentliches Ziel den Zugriff auf die Ölquellen verfolgen.