Der Schriftsteller als Missionar

Ist es Ostern? Oder Palmsonntag? Eine Zeitmaschine hat uns 2000 Jahre zurückgeworfen, in eine Epoche, als Propheten noch etwas galten. Nur kommt diesmal kein religiöser Verkünder, sondern ein bekennender Atheist, kein Religionsstifter, sondern ein Literat. Groß ist die Aufregung, das ganze Volk auf den Beinen, als es gilt, den Besucher in die Moschee zu geleiten. Eine Prozession mit Trommeln und Flöten vor wildromantischem Bergpanorama. Als der Mann aus Lübeck – umringt von bunten Gestalten mit Turbanen und Kaftanen, über denen strenge europäische Jacketts getragen werden – die Moschee ansteuert, ertönt von einem Felsen, der jäh oberhalb des Bergdorfs aufragt, der ungeheure Ruf: "Im Namen Allahs, willkommen sei Günter Grass."

Nicht alle Besucher werden im Jemen so fromm begrüßt, doch es kommen auch nicht mehr viele hierher, seit das Land als Rückzugsgebiet von al-Qaida gilt und von den Amerikanern auf der "Achse des Bösen" verortet wurde. Ende Dezember ging die Nachricht über die Ermordung dreier amerikanischer Ärzte im südjemenitischen Jibla durch die Presse. Doch solche Meldungen stehen nur für einen kleinen Ausschnitt aus der jemenitischen Wirklichkeit. Der Großteil des Landes fußt auf einer friedlichen archaischen Kultur, wie sie die muslimische Sekte der Ismaeliten vorlebt, die Günter Grass an diesem Morgen besucht. Ins Hochland mit seinen Terrassen und Felsendörfern haben sich die Ismaeliten vor Jahrhunderten angesichts der Verfolgungen durch die muslimische Orthodoxie zurückgezogen. Heute beeilen sich die ehemaligen Ketzer, ein Bekenntnis zur Friedfertigkeit des Islam abzulegen.

Wer nachts durch Sanaa streift, ist dort sicherer als in vielen europäischen Hauptstädten

Günter Grass erlebt hier auf den Bergspitzen des Djebel Haraz eine Epiphanie eigener Art: Der Junge, der auf dem Weg in das Städtchen Manakhah vor ihm her läuft und hingebungsvoll die Blechtrommel spielt, sich fast bis zur Bewusstlosigkeit die Kehle aus dem Leib singt, sieht aus wie eine Wiedergeburt von Oskar Matzerath, dem Helden aus der Blechtrommel. Günter Grass ist bewegt: "Haben Sie gesehen? Das war kein normaler Junge, er hatte ganz alte Augen."

Wenn Grass durchs Land reist, ist das natürlich kein normaler Touristentrip. Der Staatspräsident stellt die Karosse, man reist mit einem Tross von Sicherheitsbeamten, mit Bus und 16 weiteren Fahrzeugen. Immer dem Blaulicht nach! Ein Polizeiauto vorn, eines am Ende des Konvois, Sirenen, Hupen, dazu Soldaten in offenen Jeeps, die die Kreuzungen und Zufahrtsstraßen sichern. Privatautos werden zur Seite gedrängt, der Konvoi donnert wie ein Zug durchs leere Land. Aber es gibt auch Momente der Entschleunigung. Zum Beispiel wenn Grass anhalten lässt. Dann nimmt er seinen Zeichenblock, setzt sich seelenruhig zwischen die Menschen oder vor eine Flusslandschaft, fängt Gesichter, Figuren und Panoramen ein. Ja, Grass ist glücklich hier, euphorisch. "Dies ist die schönste Reise meines Lebens – und ich habe viele Reisen gemacht", betont er immer wieder, überwältigt von Geschichte und Natur, aber natürlich auch dem königlichen Empfang, der ihm bereitet wird. Eine 22-köpfige Delegation aus Deutschland begleitet Grass auf Einladung des jemenitischen Staatspräsidenten. Die Visite trägt alle Züge eines offiziellen Staatsbesuchs: vom durchorganisierten Programm bis zu den üppigen orientalischen Geschenken, die jeder bei der Abreise in seinem Koffer findet. Ausgedacht hat sich das Projekt die Dichterin Amal al-Jubouri, die als Kulturattaché in der jemenitischen Botschaft in Berlin arbeitet und weiß, wie sehr Kultur das Image eines Landes aufwerten kann.

Der Jemen gehört zu den ganz großen Traumzielen vieler Deutscher. Das Reich der Königin von Saba, die zur Zeit Salomons die gesamte so genannte Weihrauchstraße kontrollierte und es zu sagenhaftem Reichtum brachte, die Schönheit der Landschaften zwischen Wüste und Bergen, Meer und Sahelzone, die faszinierende Stadt Sanaa mit ihrer Architektur – all das macht den Jemen unwiderstehlich. Gerade Deutsche haben zu seiner touristischen Entdeckung beigetragen. Sie sind bis heute angesehen und beliebt. Und doch ist der Tourismus zusammengebrochen, kaum noch einer traut sich her, nachdem es in den neunziger Jahren spektakuläre Entführungen gab. "Ich fühle mich hier so sicher wie in Abrahams Schoß", sagt der Nobelpreisträger. "Schande über diejenigen, die nicht das bisschen Zivilcourage aufbringen, dieses wundervolle Land zu bereisen." Tatsächlich gibt es viele Länder, zum Beispiel in Südamerika, die wesentlich gefährlicher sind als der Jemen. Wer nachts durch Sanaa streift, ist dort sicherer als in vielen europäischen Hauptstädten. Auch ohne Begleitung von Sicherheitsbeamten. Kein Tourist braucht sich in einem Ghetto einzubunkern, man kann Kontakt zur Bevölkerung aufnehmen, am besten natürlich bei einer Katsitzung. Der bitter schmeckende Saft der Blätter des Katstrauches hat euphorisierende Wirkung, er enthält ein Amphetamin, das die Zunge löst. Deshalb werden Probleme im Jemen gern bei Katsitzungen besprochen.

Wie sehr der Jemen im Umbruch ist, erfährt man vor allem auf einer Reise in den Süden. Bis 1990 gab es einen Nord- und einen Südjemen; beide Teile vereinigten sich im selben Jahr wie die beiden deutschen Staaten. Doch der ehemals sozialistische Süden wollte sich danach noch einmal abspalten. Es kam 1994 zu einem Sezessionskrieg. Seitdem muss die ehemals freizügigere und sozial fortgeschrittenere Volksrepublik um die Hauptstadt Aden eine massive Reislamisierung über sich ergehen lassen. Schul- und Gesundheitswesen haben sich zurückentwickelt. Gerade die jüngeren Frauen und heranwachsenden Mädchen sind, abgesehen von den Augen, völlig verschleiert, während ihre Mütter herumlaufen, als könne ihnen das Schleierdiktat nichts anhaben. Ein merkwürdiger Riss geht durch die Familien.

In Aden selbst gibt es nicht viel zu sehen, obwohl die Stadt einst, als die großen Dampferpassagen von Europa nach Indien führten, zu den wichtigsten vier Passagierhäfen des britischen Empire gehörte. Aden fällt heute vor allem durch seinen Leerstand und den Grad der Verfallenheit auf: kilometerweit nichts als unvollendete Steinbauten. Der Hafen ist verwaist, seit hier im Herbst 2000 ein Selbstmordanschlag auf das amerikanische Kriegsschiff USS Cole verübt wurde. Das Haus, in dem der Dichter Arthur Rimbaud zwiespältige Waffengeschäfte geführt haben soll, nennt sich jetzt Rambow’s Hotel und sieht aus wie ein Bordell. Nur das Meer ist traumhaft in Aden. Wer sich vom Sheraton aus ins Wasser stürzt, sollte allerdings Obacht auf seine Füße geben. Spitzes Geröll türmt sich unsichtbar unter der Wasseroberfläche, man verletzt sich beim Inswassersteigen bis aufs Blut, nur Grass bleibt wunderbar verschont. "Macht euch um mich keine Sorgen", sagt er, bevor er hinausschwimmt, "ich bin doch an der Ostsee aufgewachsen."

Der Schriftsteller als Missionar

"Eid Mubarak" – frohes Fest! Heute ist der Ramadan zu Ende gegangen, es gibt wieder Bier, zumindest in den großen Hotels. Im Sheraton sogar normales Becks, nicht nur alkoholfreies. Das Sheraton, munkelt man, hat nicht nur eine fantastische Küche mit den besten Fischspezialitäten der Stadt. Nachts soll es in der Hoteldisco auch zu Freizügigkeiten kommen, die es sonst im ganzen Land kaum noch gibt. "Deshalb befürchten wir, dass das Sheraton einmal Opfer eines Bombenanschlags werden könnte", sagt eine langjährige deutsche Beobachterin. Das Hotel wird jedoch stark bewacht.

Morgens um neun soll es weitergehen, per Flugzeug in den Hadramaut. Doch am Flughafen gähnende Leere: keine Maschine in Sicht, und es wird auch in den nächsten fünf Stunden keine erwartet. Die Situation scheint aussichtslos. Ein völlig abgewrackter Teil des Flughafens mit Schutthaufen und zerschossenen Scheiben ist für Transitpassagiere gedacht und lässt nichts Gutes erwarten. Also Weiterfahrt per Bus? Nicht wenn man Gast des Staatspräsidenten ist und der Chef der Fluggesellschaft Yemenia zugleich Schwiegersohn des Präsidenten Ali Abdallah Saleh. Kurzerhand wird ein Airbus aus Sanaa abgerufen, mit 300 Sitzen, allein für die kleine deutsche Delegation. Nachmittags fliegen wir tatsächlich im weiten Bogen über das Meer, über die keilartigen, fantastischen Felsformationen der Tafelberge, die aussehen, als hätte man sie mit der Laubsäge ausgeschnitten. Jenseits der furchterregeden Wüste Rub al-Khali, die übersetzt "Leeres Viertel" heißt, geht es nach Shibam, dem "Manhattan in der Wüste", einem architektonischen Wunder. Von hier sind es nur noch wenige Kilometer bis zu jener abgelegenen Gegend, aus der der Vater von Osama bin Laden stammen soll.

Der Jemen ist traditionell kein Ort des Fundamentalismus

Mit ihren bis zu siebenstöckigen Häusern aus Lehm gilt Shibam als Perle des Hadramaut. Die Stadt liegt mitten in einem Wadi und ist das Zentrum der jemenitischen Lehmarchitektur. Kaum jemand aber beherrscht noch die Kunst des Lehmbaus, ganze drei Baumeister, von denen der jüngste 70 ist. Günter Grass beobachtet, notiert und lässt sich in die Häuser einladen. Am nächsten Tag macht er dem Gouverneur der Provinz einen Vorschlag: Man solle doch eine Berufsschule für Architekten gründen, am besten über eine Stiftung. Er, Grass, sei bereit, dafür 10000 Euro zur Verfügung zu stellen. Der Gouverneur legt dieselbe Summe drauf, es kann ernst werden mit der Erneuerung der Tradition.

Am Ende seiner Reise steht dann noch ein dreitägiger Dichterkongress in Sanaa, bei dem Grass mit arabischen Schriftstellern und Intellektuellen über Literatur und Freiheit, Demokratie und Engagement diskutiert. Kein Leichtes, eine gemeinsame Sprache zu finden, zum Beispiel als Grass behauptet, man könne sowohl ein Freund der arabischen Länder als auch ein Freund Israels sein. Die jemenitischen Schriftsteller sind da ganz anderer Meinung. Anschließend will Grass über Freizügigkeit und Körper diskutieren. Doch eine junge Frau antwortet: "Wenn ich das Wort Körper höre, denke ich nicht an Erotik und Sex, sondern an die verbrannten Körper der palästinensischen Jugendlichen, die von israelischen Soldaten getötet wurden."

Grass aber bleibt streitbar. Selbst den Staatspräsidenten verwickelt er bei einer Audienz im Präsidentenpalast in einen kleinen Disput, bei dem sich der Nobelpreisträger für einen jemenitischen Autor einsetzt, der sich wegen einer Veröffentlichung bedroht glaubt: "Ich weiß, Herr Präsident, es gibt ein Gerichtsurteil gegen diesen Autor. Aber die Literatur hat auf Dauer gesehen den längeren Atem." Der Präsident ist erst sichtlich verstört, dann aber erstaunlich wohlwollend gegenüber dem unbotmäßigen deutschen Schriftsteller, dem er eigentlich nur einen Orden umhängen wollte. Gerade dank seiner Offenheit kommt Grass erstaunlich gut an. Und wenn es nach ihm geht, dann soll in Sanaa eines Tages eine Konferenz über die Probleme wiedervereinigter Staaten stattfinden. "Da hätte ich einen guten Grund, noch einmal herzukommen."

Die Fassaden mit den weiß getünchten Fenstern, die unzähligen Buden mit ihren Angeboten an Silberschmuck, Perlen, Schatzkästchen und Tuchen machen Sanaa zu einer reichen und attraktiven Metropole, aber ohne die Zudringlichkeiten, die aus anderen arabischen Kapitalen bekannt sind. Seit Sanaas Altstadt Weltkulturerbe ist, wurde viel für ihre Erhaltung getan. Heute bedroht eher das exzessive religiöse Bauen der Saudis die Silhouette. Ihre viel zu hohen Minarette zerstören die Proportionen des Ensembles und zeigen den Anspruch der sehr viel strengeren wahabitischen Religion der Saudis. Der Jemen selbst ist traditionell kein Ort des Fundamentalismus.

Der Schriftsteller als Missionar

Günter Grass will nun etwas für den Tourismus unternehmen. "Ich möchte junge, bildungshungrige Menschen einladen, dieses wunderbare Land zu besuchen", sagt er. "Wir dürfen nicht so tun, als sei die jeweils andere Kultur eine feindliche Masse." Das wirtschaftlich strangulierte Land will seine Isolation durchbrechen, und wer kommen mag, findet hier perfekte Organisation und deutschsprachige Betreuung. Touristen werden im Jemen händeringend erwartet.

Information

Anreise:
Yemenia Yemen Airways fliegt dienstags, donnerstags und samstags von Frankfurt am Main nach Sanaa. Die Preise für Hin- und Rückflug beginnen bei 553 Euro. Yemenia hat eine kleine, aber moderne Flotte, die von der Lufthansa gewartet wird. Lufthansa fliegt dienstags und donnerstags ab Frankfurt am Main nach Sanaa, derzeit gültiger Sondertarif: 970 Euro inklusive Steuern

Unterkunft:
Das Taj Sheba in Sanaa gilt als das erste Haus am Platz; das Sheraton liegt etwas außerhalb. In Taizz wurde vor kurzem das auf einem Hügel gelegene Hotel Sofitel eröffnet. In Aden führend: das Golden Mohour Sheraton, direkt am Strand

Beste Reisezeit:
Zwischen Oktober und Februar. Vor allem in den Küstenregionen wird es außerhalb dieser Monate außerordentlich heiß und schwül, Aden ist im Sommer unbedingt zu meiden. Im Winter können die Temperaturen in Sanaa bis auf 2 Grad fallen, tagsüber ist es aber immer angenehm warm und trocken (24 bis 28 Grad)

Literatur:
Marco-Polo-Reiseführer "Jemen"; Mairs Geographischer Verlag, Ostfildern 2000; 120 S., 7,95 Euro

Der Schriftsteller als Missionar

Joachim Chwaszcza: "Jemen"; Reihe Abenteuer und Reisen, Mairs Geographischer Verlag, Ostfildern 1998; 191 S., 14,95 Euro

"Jemen"; Edition Temmen, Bremen 1993; 385 S., 22,50 Euro

Rundtouren:
Sehr gute Organisation und verschiedene Touren im Jemen bietet Cameleers Tours in Sanaa, Tel. 00967-1/271941, Fax 271941. Der Besitzer Mohammed Abdul Nabi Baza spricht fließend Deutsch und arbeitet auch mit dem Deutschen Alpenverein zusammen (DAV Summit Club, Tel. 089/642400)

Auskunft:
Deutsch-jemenitische Gesellschaft, Erwinstraße 52, 79102 Freiburg, Tel. 0761/73967, Fax 7071113, E-Mail: horst.schoepperle@t-online.de ; Botschaft der Republik Jemen, Rheinbabenallee 18, 14199 Berlin, Tel. 030/8973050