"Eid Mubarak" – frohes Fest! Heute ist der Ramadan zu Ende gegangen, es gibt wieder Bier, zumindest in den großen Hotels. Im Sheraton sogar normales Becks, nicht nur alkoholfreies. Das Sheraton, munkelt man, hat nicht nur eine fantastische Küche mit den besten Fischspezialitäten der Stadt. Nachts soll es in der Hoteldisco auch zu Freizügigkeiten kommen, die es sonst im ganzen Land kaum noch gibt. "Deshalb befürchten wir, dass das Sheraton einmal Opfer eines Bombenanschlags werden könnte", sagt eine langjährige deutsche Beobachterin. Das Hotel wird jedoch stark bewacht.

Morgens um neun soll es weitergehen, per Flugzeug in den Hadramaut. Doch am Flughafen gähnende Leere: keine Maschine in Sicht, und es wird auch in den nächsten fünf Stunden keine erwartet. Die Situation scheint aussichtslos. Ein völlig abgewrackter Teil des Flughafens mit Schutthaufen und zerschossenen Scheiben ist für Transitpassagiere gedacht und lässt nichts Gutes erwarten. Also Weiterfahrt per Bus? Nicht wenn man Gast des Staatspräsidenten ist und der Chef der Fluggesellschaft Yemenia zugleich Schwiegersohn des Präsidenten Ali Abdallah Saleh. Kurzerhand wird ein Airbus aus Sanaa abgerufen, mit 300 Sitzen, allein für die kleine deutsche Delegation. Nachmittags fliegen wir tatsächlich im weiten Bogen über das Meer, über die keilartigen, fantastischen Felsformationen der Tafelberge, die aussehen, als hätte man sie mit der Laubsäge ausgeschnitten. Jenseits der furchterregeden Wüste Rub al-Khali, die übersetzt "Leeres Viertel" heißt, geht es nach Shibam, dem "Manhattan in der Wüste", einem architektonischen Wunder. Von hier sind es nur noch wenige Kilometer bis zu jener abgelegenen Gegend, aus der der Vater von Osama bin Laden stammen soll.

Der Jemen ist traditionell kein Ort des Fundamentalismus

Mit ihren bis zu siebenstöckigen Häusern aus Lehm gilt Shibam als Perle des Hadramaut. Die Stadt liegt mitten in einem Wadi und ist das Zentrum der jemenitischen Lehmarchitektur. Kaum jemand aber beherrscht noch die Kunst des Lehmbaus, ganze drei Baumeister, von denen der jüngste 70 ist. Günter Grass beobachtet, notiert und lässt sich in die Häuser einladen. Am nächsten Tag macht er dem Gouverneur der Provinz einen Vorschlag: Man solle doch eine Berufsschule für Architekten gründen, am besten über eine Stiftung. Er, Grass, sei bereit, dafür 10000 Euro zur Verfügung zu stellen. Der Gouverneur legt dieselbe Summe drauf, es kann ernst werden mit der Erneuerung der Tradition.

Am Ende seiner Reise steht dann noch ein dreitägiger Dichterkongress in Sanaa, bei dem Grass mit arabischen Schriftstellern und Intellektuellen über Literatur und Freiheit, Demokratie und Engagement diskutiert. Kein Leichtes, eine gemeinsame Sprache zu finden, zum Beispiel als Grass behauptet, man könne sowohl ein Freund der arabischen Länder als auch ein Freund Israels sein. Die jemenitischen Schriftsteller sind da ganz anderer Meinung. Anschließend will Grass über Freizügigkeit und Körper diskutieren. Doch eine junge Frau antwortet: "Wenn ich das Wort Körper höre, denke ich nicht an Erotik und Sex, sondern an die verbrannten Körper der palästinensischen Jugendlichen, die von israelischen Soldaten getötet wurden."

Grass aber bleibt streitbar. Selbst den Staatspräsidenten verwickelt er bei einer Audienz im Präsidentenpalast in einen kleinen Disput, bei dem sich der Nobelpreisträger für einen jemenitischen Autor einsetzt, der sich wegen einer Veröffentlichung bedroht glaubt: "Ich weiß, Herr Präsident, es gibt ein Gerichtsurteil gegen diesen Autor. Aber die Literatur hat auf Dauer gesehen den längeren Atem." Der Präsident ist erst sichtlich verstört, dann aber erstaunlich wohlwollend gegenüber dem unbotmäßigen deutschen Schriftsteller, dem er eigentlich nur einen Orden umhängen wollte. Gerade dank seiner Offenheit kommt Grass erstaunlich gut an. Und wenn es nach ihm geht, dann soll in Sanaa eines Tages eine Konferenz über die Probleme wiedervereinigter Staaten stattfinden. "Da hätte ich einen guten Grund, noch einmal herzukommen."

Die Fassaden mit den weiß getünchten Fenstern, die unzähligen Buden mit ihren Angeboten an Silberschmuck, Perlen, Schatzkästchen und Tuchen machen Sanaa zu einer reichen und attraktiven Metropole, aber ohne die Zudringlichkeiten, die aus anderen arabischen Kapitalen bekannt sind. Seit Sanaas Altstadt Weltkulturerbe ist, wurde viel für ihre Erhaltung getan. Heute bedroht eher das exzessive religiöse Bauen der Saudis die Silhouette. Ihre viel zu hohen Minarette zerstören die Proportionen des Ensembles und zeigen den Anspruch der sehr viel strengeren wahabitischen Religion der Saudis. Der Jemen selbst ist traditionell kein Ort des Fundamentalismus.