Der schwarze Himmel kippt seine Wolkenfracht ins Meer. Der Wind treibt das Wasser wie Schneestaub hoch, Schaumfontänen spritzen auf, zerstieben, sacken in sich zusammen. Eine Möwe will sich auf eine Welle flüchten, wird hochgeschleudert, wirbelt durch die Luft. Das Schiff hebt sich den dunklen Wolken entgegen, durch die sich ein böser Mond bohrt. Weinflaschen und Passagiere fliegen durch den Speisesaal, einer sucht Halt an zwei Gläsern, die wie Zinnsoldaten vor ihm stehen. "Es gilt die alte Seemannsregel: Immer eine Hand freihaben beim Laufen durch das Schiff", tönt es durch die Lautsprecher. In den Nobelkabinen auf Deck 5 glucksen Wasserbläschen am unteren Rand der Balkontürfront. Im Mahagoni-Sideboard krachen die Gläser zusammen, der Kleiderschrank spuckt Wollmützen und Strickhosen aufs französische Bett – nur Glastisch und Diwan, fest verschraubt, wanken nicht.

Wir sind auf der World Discoverer, einem Expeditionsschiff der Luxusklasse, das uns in knapp drei Wochen von Alaska über die Aleuten bis zu den Kurilen tragen soll. Die Route zwischen den Kontinenten war während des Kalten Krieges gesperrt, jetzt soll unser Schiff auf den Spuren der nordischen Expeditionen Berings die karge Inselwelt erkunden. Es ist Spätsommer und acht Grad warm, elf Tage sind wir schon auf Tour. Tagaus, tagein erkundeten wir auf unserer "Großen Entdeckerreise" ewig graue Kaltmeermassen, durchsetzt von Riffen, die einst von Vulkanen ausgespuckt wurden. Zwischendrin ragten auch mal die Granitfelsklippen unbewohnter Inseln in den Grünbrauntönen des Military-Look auf, deren Farben durch kristallisierte Mineralien entstanden sind.

Hinter uns liegt Kamtschatka: die Halbinsel an Russlands östlichstem Rand, umgeben von drei Meeren. Ein höllisches Paradies aus Feuer und Eis, an die 30 aktive Vulkane verteilen sich auf einer Fläche, anderthalbmal so groß wie Japan. Doch Kamtschatka, die Schöne, hatte ihre Reize, die Zuckerhüte der Vulkane, vor uns in Nebel, Regen, Kälte verhüllt. Frühmorgens hatte unser Dampfer in Petropawlowsk angelegt, einer Stadt ohne Zentrum, eigentlich nur zwei lange Straßen, gesäumt von 15-stöckigen sozialistischen Investruinen und fleckigen Mietskasernen, angefressen von Schnee und Wind. Bunte Datschen mit weißen Fensterrahmen klebten wie Schuhschachteln an riesigen Hängen, die in graue Wolken eintauchten. Wäsche baumelte an Leinen, die zwischen den Häusern gespannt waren. Autokadaver krümmten sich am Straßenrand, Müllreste färbten die Büsche. Neun Monate ist Winter, 16 Grad warm wird es im Sommer. Am schwarzen Ufer vor der eisigen Beringsee lungerten Matrosen und arbeitslose Fischer. "Hier ist ein Gefängnis, meine Seele singt hier nicht", sagte einer. Die großen staatlichen Fischfabriken hätten in den vergangenen zehn Jahren dichtgemacht, das neun Flugstunden entfernte Moskau vergebe nun die Lizenzen zum Fischfang an ausländische Firmen und reiche Kunden aus den Metropolen.

Das Ausflugsprogramm war festgezurrt: Naturhistorisches Museum, Kirche Sankt Peter und Paul, Fischmarkt, Postamt waren Pflicht für jeweils 20 Minuten, im Goldenen Anker gab’s trüben Borschtsch, garniert vom Tanz der Korjaken.

"Wer einmal auf Kamtschatka war, kommt nicht mehr davon los", schwärmt Ulli Wannhoff, einer von vier wissenschaftlichen Begleitern für uns 80 deutsche Passagiere – die übrigen 60, meist Amerikaner, betreut ein englischsprachiges Team. Schön wär’s, denn wir kommen erst gar nicht mehr an Land. Der Taifun, Tage zuvor angekündigt, tobt inzwischen mit Windstärke zehn, weitere Anlandungen auf Kamtschatka sind unmöglich, dafür entdecken wir die Halbinsel heute durch Vorträge. Die meisten Passagiere, von Seekrankheit geschwächt, verfolgen sie allerdings vom Bett aus über den Fernseher, nur wenige haben sich in die Lounge geschleppt.

Kamtschatka, das russische Feuerland der Vulkane und Erdbeben, erzählt Ulli Wannhoff, der acht Monate dort gelebt hat, wurde im Auftrag Peters des Großen vom Dänen Vitus Bering erforscht. Der hatte vor 262 Jahren Petropawlowsk gegründet. Russische Pelztierjäger, Kaufleute, entlaufene Sträflinge, Glückssucher eben, folgten ihm. Hinter Berings Forschungsreisen verbargen sich schnöde merkantile Expansionsgelüste: Auf Zobel und Gold waren die großrussischen Eroberer scharf, später wurde auch der Kaviar als Handelsware entdeckt. In Sowjetzeiten lockten Sibirienzuschläge und preiswerte Wohnungen intellektuelle Abenteurer, Ärzte und Militärs, Fischer, Geologen, Vulkanologen in Russlands fernen Osten. Während des Kalten Krieges rüsteten die Sowjets die Grenzregion mit Waffenfabriken und ihrer atomaren U-Boot-Flotte zum militärischen Sperrgebiet auf – Russlands Bollwerk gegen den nahen amerikanischen Feind. Jetzt, in demokratischen Friedenszeiten, schert sich die Moskauer Regierung nicht länger um den entlegenen Fleck und hat die Subventionen gekappt. Jährlich verlassen die Halbinsel nun 7000 Menschen, ungefähr 350000 leben noch auf Kamtschatka, viele davon deklassiert. Doch immerhin schielen jetzt amerikanische und japanische Firmen auf die Platin- und Goldressourcen, und auch der Tourismus ist eine Hoffnung.

"Kommen Sie im Winter nach Kamtschatka", empfiehlt Ulli Wannhoff, "dann sehen Sie auch die Vulkane." Auf Dias schwimmen Berggipfel wie Wolken im endlosen Blau, der Kopf des Mutnowskij-Vulkans ragt wie eine Kirchturmspitze auf. Eiszapfen türmen sich meterhoch, zum Fenster einer Jagdhütte schaut ein Blaufuchs herein. Winter auf Kamtschatka, sagt Wannhoff, das seien, weitab von der einzigen Landstraße, die irgendwann einfach abbreche, minus 20 Grad und eine Stille, in der man nur die eigenen Schritte höre. Ein Leben wie in der Steinzeit, vielleicht bei einem alten Korjakenpaar. Der Mann laufe tagein, tagaus kilometerweit die Fallen nach Füchsen und Zobeln ab, derweil bereite seine Frau das Mahl: Schneehasen. "So was von Harmonie, das ist selten in Europa."

Winter auf Kamtschatka – das sei Warten darauf, dass die Schneemassen im Mai langsam weichen, dass Waldorchideen, Schwertlilien, Weidenröschen meterhoch sprießen. Winter, das sei auch Warten auf die Schwärme der kaviarspendenden Lachse, die zum Laichen die Flüsse im Sommer blutrot färben und Tausenden von Bären Nahrung liefern. Kamtschatka, berichtet er, habe dann auch den Touristen viel zu bieten: Bärenjagd, Heli-Ski von den Vulkangipfeln herunter, Floßfahrten und Reiten entlang des Spinnennetzes der Flüsse, Helikopterflüge ins Tal der Geysire, zu Schwefeldampfquellen, die aus dem Untergrund schießen, zu Bombentrichterlandschaften aus Lava, durchwebt von Baumspitzen, die aus meterhoher Asche lugen: black forest.