Es ist ein blödes Vorurteil, aber bis heute nicht ganz auszurotten: Männer sind für die Kraft zuständig - und Frauen, tja, fürs Gefühl. So staunte schon Goethe, als er erstmals die zwölfjährige Clara Wieck Klavierspielen hörte, das Mädchen habe "mehr Kraft als sechs Knaben zusammen" - was zweifellos etwas heißen wollte. Der Beginn einer wundersamen Wandlung im Verhältnis der Geschlechter zur Kunst? Der Pianist Anton Rubinstein verstieg sich 1890 zu der Feststellung, die "Überhandnahme" der Frauen in der Musik sei ein "Zeichen des Verfalles". Zum musikalischen Schaffen fehle dem weiblichen Geschlecht nachgerade alles: "die Vertiefung, die Konzentration, die Denkkraft, die Weite der Gefühlshorizonte, die Freiheit des Striches usw.".

Gemessen an solcher Feindseligkeit, haben sich erstaunlich viele Tastenvirtuosinnen der Vergangenheit mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit an ausgesprochene Männermusiken herangewagt. Von Clara Schumann bis Martha Argerich, von Fanny Davies bis Clara Haskil (dem Inbegriff der Zerbrechlichkeit!), von Maria Yudina bis Rosalyn Tureck - sie alle scheuten weder vor Brahms oder Tschaikowsky zurück noch vor Rachmaninoffs Elephantenkonzert oder Beethovens späten Klaviersonaten. Der Preis: Die Damen, hieß es mal spöttisch, mal ehrfürchtig, spielten allesamt "wie Männer" - also mit Kraft, sowohl im Kopf als auch in den Fingern, und keineswegs schwächlich-weiblich-weichlich (so dies überhaupt möglich wäre).

Nun stellt auch Dame Myra Hess alles andere als eine elfenhafte Erscheinung dar. Von stabiler Statur und mit jenen eher breit gebauten Händen ausgestattet, die die besagten Stücke grifftechnisch erfordern, spielte sie sich in den fünfziger Jahren neben Solomon Cuttner und Clifford Curzon in die erste Riege der britischen Pianisten. Eine Künstlerin, die das Plattenstudio nicht schätzte und die der Nachwelt hauptsächlich als Initiatorin der beherzten Lunchtime-Konzerte im Gedächtnis bleiben sollte, die während des Krieges in Londons leer geräumter National Gallery stattfanden. Später dokumentieren Mitschnitte ihr schmales Repertoire von Bach bis Ravel (ihr persönliches "Roastbeef der Musik", wie sie selber zu scherzen pflegte) - und jene Mischung aus Bescheidenheit und natürlicher Befeuerung des Augenblicks, die für sie so typisch war. Eine Musikerin jenseits aller rhetorischen Kopfstände und klanglichen Schönfärbereien, eine Meisterin der Hingabe und der Inspiration - und das spürt man auch in Beethovens viertem Klavierkonzert und Mozarts Konzert KV 488 (beide mit dem London Philharmonic Orchestra unter Sir Adrian Boult), die die Reihe BBC Legends jetzt neu aufgelegt hat (BBCL 4111). Mit Beethoven gab Dame Myra 1961 ihren Abschied von den Londoner Proms, das Mozart-Konzert wurde wenig später bei ihrem allerletzten öffentlichen Auftritt in der Royal Festival Hall aufgenommen. Dokumente einer Musik- und Lebenskultur, die jedes Vorurteil munter aus den Angeln heben.