Vor einiger Zeit, es war auf der Buchmesse, fragte mich ein Kritiker, warum die Leute so häufig falsche Konjunktive setzten, wenn sie die indirekte Rede gebrauchten. "Sie erzählte, sie habe dazu keine Lust gehabt, und wäre daraufhin ins Kino gegangen." Die erste Konjunktivform, habe, ist richtig, die zweite, wäre, ist falsch. Über die Regeln waren wir, der Kritiker und ich, uns sofort einig (es war auf einem Empfang).

Erste Regel: In der indirekten Rede wird Konjunktiv I gesetzt (zum Beispiel habe, sei gebe und nicht: gäbe also immer die schwach klingenden Formen).

Regel zwei: Nur wenn Formengleichheit mit dem Indikativ besteht, wird Konjunktiv II verwendet (hätte, gäbe, also die stark klingenden Formen). Das kann der Fall sein in der ersten Person Singular, in der ersten Person Plural und in der dritten Person Plural. Daher schreiben die Zeitungen, der Kanzler (also Schröder) habe dies und das gesagt, die anderen aber hätten ihm widersprochen (und nicht: haben).

Diese zwei Regeln sind überaus leicht zu verinnerlichen. Woher dann aber, rief der Kritiker (er trank gerade ein Bier) dieses grundfalsche Wärehätte-sei-Gemisch, das die Leute anrichten? Ich trank nun ebenfalls ein Bier, und beide gingen wir daran, die Gründe für dieses Wäre-hätte-sei-Gemisch zu untersuchen. Solche Gespräche werden auf der Buchmesse geführt!

Wir begannen einfach und untersuchten den Satz: "Er sagte, er wäre unglücklich." Die Form wäre ist falsch, es muss sei heißen. Wie aber kommt das wäre in den Satz? Vermutung eins: Der Sprecher findet, dass das nach Konjunktiv klingt, und zwar mehr nach Konjunktiv klingt als sei. Der Kritiker argwöhnte, dass einige Sprecher sowieso nur den Konjunktiv II (wäre, löge, trüge) als Konjunktiv identifizierten und sozusagen nur auf die gröberen Reize reagierten: ä, ö, ü.

Manche (Vermutung zwei) argumentieren möglicherweise gewiefter: Es heißt, könnte man denken: "Ich sagte, ich hätte Hunger", also heißt es folglich auch: "Er sagte, er wäre unglücklich." Diese Sprecher wollen den Konjunktiv II (hätte, wäre) überall benutzen, und sie begründen das durch Beispielsätze, die auf Regel zwei beruhen, sie machen also die Ausnahme zur Regel. Aber sie machen dabei einen weiteren Fehler. Sie greifen auf die Form wäre zurück.

Dabei ist der reguläre Konjunktiv sei überhaupt nie mit dem Indikativ zu verwechseln. Man muss also bei dem Verb sein nie (!) auf Regel zwei zurückgreifen. Es heißt immer: sei, seiest, sei, seien, seit, seien es heißt nie: wäre, wären et cetera. Ich, zum Kritiker: Wenn ich einen Satz schriebe wie: "Ich sagte, ich wäre unglücklich", dann erwartete ich geradezu zwanghaft, dass ein Bedingungssatz folgte, etwa so: "Ich sagte, ich wäre unglücklich, wenn ich heute nicht das Kümmelchen sähe." Nur dort wäre ein wäre möglich.