Dass uns zu Weihnachten tatsächlich das erste Klon-Baby geboren wurde, darf, mangels irgendeines Beweises, immer noch bezweifelt werden. Ebenso die Geburt des zweiten, am vergangenen Wochenende. Doch die bloßen Verlautbarungen einer Ufo-Sekte genügten schon: Überall wurde intensiver denn je über Gentechnik diskutiert. Etwas kurz kam dabei der künftige Lebensweg jenes Babys im Zentrum der ganzen Aufregung: Dieses Wesen, von den Raelisten auf den Namen Eve getauft, will der Ethikrat schon vorab zur Unverwechselbarkeit ermuntern.

Nach dem ersten, von der Genesis kolportierten, aber nur mäßig erfolgreichen Schöpfungsversuch: nun also Eva II. Und schon fällt alle Welt, nicht nur die obligaten Ethik-Kommissionen, über die Kloner mit unerbetenen Ethik-Räten her. Doch welchen vorauseilenden Rat sollen wir Eva II. selbst geben? Denn das steht schon vor allen etwaigen medizinischen und existenziellen Komplikationen fest: Eva II. hat ein ratbedürftiges Geschick.

An Weihnachten wie am Dreikönigstag ist ein Kind gefeiert worden, das etwas ziemlich Ungewöhnliches symbolisiert: Weihnachten – der Gott im Stall; das Dreikönigsfest – die drei "Magier" aus dem Osten machen sterngeleitet einem ärmlichen Weltenherrscher ihre Aufwartung, dessen gesetzliche, nur teilweise genetischen Eltern einem Volkszählungsbefehl gehorchten. Beide Szenen sind höchst paradox: Den Evangelisten Matthäus und Lukas zufolge stellen sie einen radikalen Bruch dar mit der bisherigen Unheilsgeschichte, den Anbruch von etwas schlechthin Neuem. Davon hat sich bei der Klon-Sekte das Pathos einer Pioniertat an der Spitze des Fortschritts erhalten. Im Übrigen halten sich die Kloner lieber an das, was Friedrich Nietzsche beizeiten die "Ewige Wiederkehr" genannt hat – hier ist es die "Ewige Wiederkehr der Gleichen". Oder, um mit dem österreichischen Gen-Experten Robert Musil zu sprechen: "Seinesgleichen geschieht."

Die Herstellung genetischer Kopien orientiert sich nicht an dem eigenwilligen Kind in der Krippe, das des Neuanfangs wegen ungewohnte Inkarnationswege geht, sondern an dem schafsmäßigen Tierpark, der vor der Krippe fressend sein Auskommen findet, an Dolly, Polly, Bonny. Sozial dominiert der Geist des Herdentiers, psychologisch der Erzeuger-Narzissmus, kombiniert mit einer dürftigen Unsterblichkeitshoffnung, die sich ausgerechnet in "Baby Xerox" verewigt sehen will. Welche Rolle sollte da Eva II. übrig bleiben? Etwa diejenige, die wiederum Nietzsche mit einem Pindar-Zitat, also gewissermaßen geklontem geistigem Eigentum, empfohlen hat: "Werde, die du bist" oder richtiger: "Bleibe, die du bist"?

Doch Ethikräte setzen einen gewissen Verhaltensspielraum voraus. Wir unterstellen also, liebe Eva II., dass du, jenseits der Biotechnologie, diesseits der individuellen Freiheit, nicht nur dein genetisches Programm nachbeten wirst; dass du anders sein kannst, als es dir deine Hersteller, nach ihrem Glauben ihrerseits geklonte Kopien von Außerirdischen, ins Stammbuch geschrieben haben.

Nehmen wir nur einmal an, das dir die Kopisten, an deren Stelle früher "Eltern" standen, nicht ganz so gut gefallen wie sie sich selbst – was dir freilich auch eine gewisse Distanz zu dir selbst abverlangt. Nehmen wir an, dass du wider Erwarten doch einen höheren Ehrgeiz und mehr Fantasie als diese Klon-Seelen hast, deren bescheidene Eitelkeit sich mit einem Narzissmus ohne Ich, ohne Individualität zufrieden gibt. Ja, nehmen wir getrost an, dass dich die öden Science-Fictions deiner Kloner eines guten Tages langweilen.