Bei klirrender Kälte, von einer dicht geschlossenen Polizeikette umringt, schleppen sich ein paar Dutzend Demonstranten über die Berliner Friedrichstraße. Aus einem Lautsprecher schallt es: "Solidarität mit Palästina!" und: "USA – internationale Völkermordzentrale!"

Vorigen Monat in Berlin: Israels Präsident ist auf Staatsbesuch gekommen. Das bedeutet Großeinsatz für linke und rechte Radikale. Doch wer ist eigentlich wer? Sind die Pro-Palästina-/Anti-USA-Parolen nicht typische Losungen der radikalen Linken? Stimmt. Dennoch handelte es sich bei den Protestlern um Neonazis. Die haben ihr Herz für den "antiimperialistischen Befreiungskampf" arabischer Völker entdeckt – spätestens, seit palästinensische Selbstmordkommandos darauf zielen, wahllos möglichst viele Juden umzubringen.

Noch schwerer sind die Verhältnisse bei den Gegendemonstranten auszumachen, die versuchen, das Geschrei der Rechten mit gellenden Pfeifkonzerten zu übertönen. Neben roten Fahnen schwenken sie auch israelische. Sehen wir uns das genauer an: Die linksradikalen "Antifaschisten" sind in zwei verfeindete Lager gespalten. Die einen halten wie eh und je an ihrer Feindschaft gegen "US-Imperialismus" und "Zionismus" fest. Besonders wütend aber sind sie auf die Neonazis. Neuerdings maßen die sich doch an, dieselben Feinde zu hassen wie sie selbst. Beim Staatsbesuch aus Israel sind diese "klassischen" Linksradikalen plötzlich hin- und hergerissen. Einerseits müssen sie gemeinsam mit israelfreundlichen Demonstranten von der jüdischen Gemeinde Aufmärsche der Rechtsradikalen verhindern helfen, andererseits Kundgebungen der Palästinenser unterstützen, auf denen man seinerseits israelische und US-amerikanische "Völkermörder" anprangert.

Doch es gibt in der extremen Linken auch eine Richtung, die aus tiefster Überzeugung für Israel demonstriert. Ein Forum finden ihre Ideen in der linken Wochenzeitung Jungle World, die sich 1997 von der traditionskommunistischen Jungen Welt abgespalten hat. "Eine Linke in Deutschland, wäre sie noch einigermaßen bei Trost", konnte man dort kürzlich lesen, müsste "die israelische Verteidigungsfähigkeit unterstützen". Ein anderer Kommentator mokierte sich über "die noch bestehenden geringen Differenzen zwischen Islamisten, Nazis und Attac". Diese Strömung hat aus der Verwirrung der Fronten im postideologischen Zeitalter eine ganz neuartige Weltanschauung entwickelt. Ihr Denken kennt im Grunde nur ein Feindbild: "die Deutschen", weshalb ihre Anhänger im Szenejargon "die Antideutschen" genannt werden. Ihrer Auffassung nach steckt dem deutschen Volk, unter aller demokratischer Tünche, "der Faschismus" gewissermaßen in den Genen. Der Kern des faschistischen Syndroms aber sei der Antisemitismus. Die "Antideutschen" sind davon überzeugt, dass es früher oder später zu einem neuen Holocaust kommen wird. Als dessen Vorboten betrachten sie den islamistischen und palästinensischen Terrorismus. Wenn nun Deutsche der Sache der Palästinenser Sympathie entgegenbringen, vermuten sie dahinter den heimlichen Wunsch – nicht zuletzt vieler deutscher Linker –, es Hamas und Hisbollah gleichzutun. Wahre Linke sind nach ihrer Ansicht deshalb dazu verpflichtet, den Staat Israel, als einzigen Zufluchtsort aller Juden, um jeden Preis zu verteidigen.

Spiritus Rector dieser Strömung ist Hermann L. Gremliza, einst Linksabweichler beim Spiegel und seit 1974 Herausgeber der linken Traditionspostille konkret. Für Gremliza markierte die deutsche Wiedervereinigung den Abschluss der "Vergangenheitsbewältigung": Das Schuldbewusstsein wegen Auschwitz sei überwunden und der Weg frei geworden für die Wiedergeburt des deutschen Imperialismus. Heute entlarvt er in seinen monatlichen konkret- Kommentaren verborgene deutsche Revanchegelüste gegen Juden und Israel.

Weil die "Antideutschen" als Linke den Kapitalismus nicht mögen dürfen, müssten sie naturgemäß eigentlich Gegner der USA sein. Im Kosovo-Krieg, als sich Deutsche und Amerikaner einig schienen, stimmte das Weltbild noch einigermaßen: Die "Antideutschen" polemisierten gegen die Nato-Intervention und erinnerten daran, dass Deutschland Serbien schon einmal bombardiert habe, damals, 1941. Doch seit sich hierzulande Abneigung gegen die US-Politik breit macht, ist den proisraelischen Linksradikalen auch die Amerikakritik verdächtig geworden. Und da sich die deutsche (!) Regierung offen gegen den Irak-Krieg gestellt hat, ist der Fall für sie klar: Linke müssen in diesem Konflikt für Bush Partei ergreifen.

Solche Kapriolen mögen auf den ersten Blick wie abseitige Spinnerei erscheinen. Und doch drücken sie eine Tendenz der Zeit aus: Es wird immer schwieriger, die Weltpolitik nach vertrauten Mustern zu entschlüsseln. Weil es aber vielen unmöglich scheint, eine Realität ohne übersichtliche Einteilung auszuhalten, basteln sie sich aus Versatzstücken alter Ideologien Patchwork-Weltanschauungen zusammen. Und so finden Ariel Scharon und George W. Bush ihre hartgesottensten Alliierten da, wo sie sie nie vermutet hätten.