Jeder anständige Bürger der westlichen Welt hätte den Jahreswechsel selbstverständlich in New York verbringen müssen, dessen Schreckensloch von Lower Manhattan nun schon im zweiten Jahr Anfang und Ende unserer Zivilisation darstellt. Natürlich ist die Ruine längst zur Waffe geworden, nicht erst seit der Meldung, ein Stahlträger des World Trade Center werde den Bug eines neuen Kriegsschiffes namens New York bilden, auf dass unser Schmerz auf ewig die Weltmeere pflüge. Schnell hat der Schmerz sich zum Schmerzfetischismus umschmieden lassen.

In den Jahresrückblicken beklagten konservative Kritiker den Angriff der seelenlosen Blockbuster-Maschinen aus Hollywood, die dem Schrei nach "Menschlichkeit" nach dem 11. September keine Heimat böten. In der New York Times wünschte sich eine Professorin für vergleichende Literaturwissenschaft nach der Sanierung des Times Square einen neuen Rotlichtbezirk für New York, weil der Mensch ein Mensch sei und das geruchlose E-Book die Rüchlein der Peep-Show nicht ersetzen könne. Also erklang aus der Stadt der Städte der zaghafte Ruf nach einer Authentizität europäischen Zuschnitts, und sei sie auch schmuddelig. Wenn diese Zeitung erscheint, wird die Sängerin Queen Latifah aber bereits die Bloomingdale-Schaufenster zu Ehren der Verfilmung des Musicals Chicago eingeweiht haben. Der prachtvolle Film feiert und ironisiert den Umstand, dass alles Oberfläche ist und als Oberfläche verkäuflich

Queen Latifah spielt eine Rolle und spielt sie nun selbstverständlich im Warenhaus-Schaufenster an der 3rd Avenue noch einmal.

Und der Manhattan Plaza Health Club gibt bekannt, dass er jetzt über Work-out-Maschinen mit Internet-Anschluss verfügt. So ist Amerika, das Reich des Kommerz, also des Bösen.

Es ist rührend, wie das intellektuelle Amerika sich immer wieder nach der altweltlichen Authentizität sehnt, nach dem so genannten Echten, und seiner erotisch und kommerziell aufgeladenen Oberfläche doch zu sehr verhaftet bleibt, um so etwas jemals herstellen zu können. So erklärt sich auch - apropos vergleichende Literaturwissenschaft - das Missverständnis, auf dem hierzulande die Wertschätzung des Schriftstellers Paul Auster aus Brooklyn basiert. Auster jongliert betrügerisch raunend mit den Accessoires europäischer "Identität" und gilt deshalb bei uns als tiefgründiges Genie.

Als amerikanischer, also oberflächlicher Schriftsteller wird er nicht wahrgenommen

ein Genie der Oberflächlichkeit liegt jenseits unserer Vorstellungskraft. Freuen oder ärgern kann sich darüber nur, wer das Authentizitätsgefälle zwischen Europa und Amerika für ein Qualitätsgefälle hält. Dabei kann die Bloomingdale-Oberflächlichkeit New Yorks authentischer sein als alle Echtheit der Euro-Zone. Nur im Rotlichtbezirk des deutschen Antiamerikanismus klingt das obszön.