Wie stark es beim literarischen Erzählen auf das Wie, auf Ton, Stil, Schreibweise ankommt, wird von kaum einem zeitgenössischen Werk so deutlich belegt wie von dem der italienischen Schriftstellerin Fleur Jaeggy. Die Geschichte ihres neuen, wie üblich kurzen Romans Proleterka, der in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts spielt, lautet so: Eine Internatsschülerin, fast fünfzehn Jahre alt, unternimmt mit ihrem Vater und den Mitgliedern der vermutlich schweizerischen Zunft, der er angehört, eine Schiffsreise auf einem gescharterten jugoslawischen Passagierschiff namens Proleterka. Die Reise beginnt und endet in Venedig und führt nach Griechenland. In ihrem Verlauf hat das Mädchen eine Amour mit einem vierzehn Jahre älteren Bordoffizier. Die Lebensbedingungen des Mädchens sind insofern ungewöhnlich, als es den Vater seit der Kindheit nur von gelegentlichen Besuchen, die Mutter weniger aus der Realität denn aus der eigenen Legendenbildung und die Großmutter, bei der es bis zum Internatseintritt lebte, nur aus dem Autoritätsabstand kennt. Dies wäre ohne den Stil Fleur Jaeggys die Geschichte eines traurigen Waisenschicksals.

Als kalt, sezierend wurde dieser Stil häufig charakterisiert. Es ist eine spezielle Kälte. Sie beruht nicht auf Distanz und Unbeteiligtkeit, sondern auf einer Art Verweigerung. Sie ist der Ausdruck eines subtilen Widerstandes gegen das Selbstverständliche, gegen das Natürliche, der in allen Texten Fleur Jaeggys steckt. Es ist nicht selbstverständlich, dass Kinder und Eltern sich reflexhaft zugetan sind, dass sie einander besser kennen als andere Menschen, mit denen sie biologisch nicht zu tun haben. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass man mit der Person, bei der man im Verlauf von ein paar Nächten die körperlichen Dinge der Liebe erlernt, spricht und sprechen kann. Vor allem aber ist es nicht selbstverständlich, dass das Leben lebendig und der Tod es nicht ist. Während die Reisegruppe auf der Proleterka einer Gespensterversammlung gleicht, besitzen die Ahnen und Vorfahren, mit denen die Erzählerin seelisch umgeht, erstaunliche Präsenz, Frische und Nähe.

Auch das Ich der Ich-Erzählerin ist nicht selbstverständlich. Sie wechselt von sich sprechend in die dritte Person oder nennt sich "Johannes Tochter".

Am Ende der Erzählung ist es nicht einmal mehr selbstverständlich, dass sie überhaupt die Tochter dieses Johannes ist, dem sie an Bord bei Tisch gegenübersitzt, ihn wie einen Mitreisenden betrachtend, den sie am Morgen kennengelernt hat. Geraume Zeit nach dem Tod des Mannes, den sie für ihren Vater hält, meldet sich bei ihr ein Mensch im Greisenalter, der behauptet, der frühere Liebhaber ihrer Mutter und ihr Erzeuger zu sein.

Proleterka ist der Bericht einer Entfremdung, die Fleur Jaeggy in Sprachstil übersetzt. Ihre Sätze meiden den Kontakt. Sie sind kurz, spröde, sie grenzen sich, sooft es geht, durch Punkte voneinander ab, wo Kommata Verbindlichkeit schaffen würden. Sie erklären und begründen nicht, sie machen Feststellungen, deren Inhalte bisweilen so entfernt sind voneinander, dass die Auslassungen mitklingen. Wir halten es, sagen Fleur Jaeggys Sätze, keineswegs für selbstverständlich, dass wir geschrieben wurden. Man hätte uns auch verschweigen können.

Fleur Jaeggy:

Proleterka