Politische Brandstiftung: Titel und These des Buches, in dem Jochen Schmidt die Pogrome von 1992 in Rostock-Lichtenhagen rekonstruiert, sind eins. Dass die Polizei sich zurückzog, während eine Menschenmenge zusah, Beifall klatschte, ja, sich daran beteiligte, ein Haus in Brand zu stecken, in dem 120 Vietnamesen eingeschlossen waren - dies alles, sagt der Autor, war keine Panne, sondern politisch bewusst in Kauf genommen. Der Lichtenhagener Vorfall kam den Autoritäten gerade recht, um auf Bundesebene die Einschränkung des Rechtes auf Asyl, den so genannten Asylkompromiss, durchzusetzen. Diese These wurde schon 1992 laut. Schmidts Buch liefert neue Indizien dafür.

"Sonnenblumenhaus" hieß der Bau, in dem das Land Mecklenburg-Vorpommern damals seine zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber eingerichtet hatte. 200 Menschen hatten darin Platz, im Sommer 1992 waren es weit mehr. Dutzende Familien kampierten im Freien, ohne Toiletten. Es stank buchstäblich zum Himmel. Anwohner beschwerten sich, die Lokalpresse druckte Drohungen. Derweil stritt sich die Stadt mit dem Land um die Zuständigkeit für das Problem.

Hätte man nicht wenigstens Toiletten aufstellen können? Nein, sagte Oberbürgermeister Klaus Kilimann später mit entwaffnender Offenheit: "Das hätte bedeutet, daß wir einen Zustand legalisieren, den wir nicht haben wollten."

Als der Konflikt eskaliert, wird das Heim geräumt. Doch mittlerweile, es ist die Nacht vom 24. auf den 25. August, haben sich Hunderte Menschen davor versammelt. Der aufgeheizte Mob sucht nach einem Ventil - und entdeckt das Nachbarhaus, in dem 120 Vietnamesen leben. Ein ZDF-Fernsehteam, zu dem auch Schmidt gehört, hat drinnen gerade mit Aufnahmen begonnen, als die ersten Steine fliegen. "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus", brüllt die Menge dann krachen brennende Flaschen durch die Scheiben.

Die Polizei, mit viel zu wenigen Beamten am Ort, ist machtlos. Auch die Feuerwehr kommt gegen die bald 3000 Menschen nicht an. Verzweifelt versuchen die Vietnamesen, den Flammen zu entfliehen die Polizei vertröstet sie am Telefon.

Unterdessen häufen sich die Fehlleistungen der Verantwortlichen in Polizei und Politik. Der unerfahrene Einsatzleiter Jürgen Deckert ist mit dem Mob allein, seine Vorgesetzten sind zur entscheidenden Zeit nicht erreichbar - der Polizeidirektor nicht und der Innenminister auch nicht. Angeblich mussten beide zur gleichen Zeit die Stadt verlassen, um ihre Hemden zu wechseln. Nach 40 Stunden muss Deckert den Befehl zum Rückzug geben. Sie seien "verheizt" worden, sagen viele Polizisten später bitter. Ministerpräsident Bernd Seite hatte tags darauf nur dies zu bemerken: "Die Vorgänge der vergangenen Tage machen deutlich, daß eine Ergänzung des Asylrechts dringend erforderlich ist, weil die Bevölkerung durch den ungebremsten Zustrom von Asylanten überfordert wird." Kein Wort über den versuchten Mord an über hundert Menschen. Schweigen und Vertuschen bestimmen auch im Nachhinein den obrigkeitlichen Umgang mit dem Pogrom: Ein Polizeibericht etwa wird nachträglich korrigiert, sodass der Eindruck entsteht, bei der Polizei habe keiner von den Eingeschlossenen gewusst.

Man mag Jochen Schmidts These skeptisch gegenübergestanden haben sich ihr zu entziehen fällt nach Lektüre seines Buches schwer. Und wenn er manche Antwort schuldig bleiben muss, so liegt dies weniger an ihm als am mangelnden Aufklärungswillen der Politiker und Polizeioberen, die sich vor den Konsequenzen ihres Versagens scheuten.