Rückblende, Bundestagswahlkampf im Herbst 1990: Kohl könnte die erste Wahl nach der Wende tatsächlich verlieren. Die neuen Wähler im Osten streben der SPD unter Lafontaine zu. Der Mann aus der Pfalz bewegt sich seit Wochen nicht mehr richtig, er weiß offenbar nicht, was er zur Errettung seiner Macht noch tun kann. Selbst beim öffentlichen Absingen der Nationalhymne zu Feierstunden auf schwarz-rot-goldenen Tribünen überall im Land wirkt er seltsam schlaff neben dem erheblich kämpferischeren Willy Brandt. Kohl ist irgendwie aus dem Rennen, ausgeknockt. Außerdem ist er auch beleidigt, wie es so seine Art ist, wenn er mangelnde Ehrfurcht des Wahlvolks vor seinen historischen Leistungen empfindet. In seiner Krise belagert er nun schon seit Wochen den alten, von ihm bewunderten Schriftsteller Ernst Jünger im Schwarzwald. Weil der vielleicht eine geheimnisvolle Formel hat, wie der Nochkanzler die deutsche Nation wieder auf eine Stromlinie einschwören könnte? Der greise Frontsoldat Jünger aber hat ihn nach einem ersten Treffen bereits mehrfach wieder abweisen lassen. Kurze Szene im Haus Jünger. Tag, innen. Es klingelt. Schritte. Man hört Stimmen an der Tür. Dann Jünger, aus dem Arbeitszimmer, ahnungsvoll: "Liebling, wer ist es denn?" - Von der Tür: "Schatz, der Kanzler. Er will wieder mit dir über Deutschland reden." -

"Liebling, sag ihm, ich will nicht vor seinen gesamtdeutschen Karnevalsjubelkarren gespannt werden." - "Okay, sag ich ihm." Kurz darauf rauscht die Bonner Limousine die Serpentinen aus den mythischen Höhen des Märchenwaldes zurück in die Alltagsniederungen. Hinter den schalldichten Scheiben sieht man den Kanzler toben.

So war es natürlich nicht. Oder doch? Und wie verlief jene tatsächliche erste Unterredung der beiden? Mögliche Szenen für ein deutsches Polit-Dämonen-Manga aus den Jahren 1990 bis 2002 hätte man ja viele finden können. Aber in einem Wirtschaftsthriller über das deutsche Wendedebakel wäre eine lange Dialogszene zwischen Kohl und Ernst Jünger immer ein zentraler Moment für mich gewesen, ob nun spekulativ-grotesk oder als ernsthafte Auseinandersetzung erzählt. Es wäre eine Szene gewesen, bei der man die berüchtigte Gnade der späten Geburt ein wenig aus den Angeln hätte heben können. Aber wahrscheinlich hätte Kohl dagegen sogleich wieder seine Anwälte in den Ring geschleudert.

Die Wahl hat er 1990 letzten Endes doch noch gewonnen. Und das Trauma seines unter dem Sprachbanner der "blühenden Landschaften" geführten Wendewahlkampfs hält nun zwölf Jahre später die Seele der Republik immer noch fest im Griff.

Wie ein monströses Gespenst oder auch ein gleichsam erleuchteter Oggersheimer Zeppelin schwebt der pfälzische Riese immer noch am deutschen Albtraumhorizont. Der Politthriller scheint mir das unterdrückte, unausgelebte Genre des deutschen Kinos der neunziger Jahre. Bei uns wird es keinen Nixon wie von einem Stone und schon gar keinen Nixon von einem Altman und auch keinen JFK geben. Allein schon deshalb, weil von deutschen Gerichten eine Auslegung des Persönlichkeitsrechts praktiziert wird, die die Figuren der Zeitgeschichte von allen Verantwortlichkeiten ihres Tuns, ihres Wirkens und ihres Geredes per se amnestiert. Einstweilige Verfügungen haben schon einige mutige Filmproduzenten beinahe ruiniert.

Die Frostlähmung nach dem Lärm der Börsenparties

In der Medienhybris der Neunziger hätten wir Regisseure trotzdem die Chance zum einen oder anderen Politthriller gehabt. Es wäre gar nicht so sehr um einzelne monströse Großtaten auf diesem Gebiet gegangen, sondern mehr um die Aufrechterhaltung eines Klimas der permanenten Auseinandersetzung in dieser Gesellschaft. Um Analysen, Diagnosen und Prophezeiungen. Man hätte sehr wohl versuchen können, das Genre Politthriller populär zu machen. Keine netten Biopics und nach allen Seiten hin unproblematische Zweiteiler. Nein, böse Filme, spannende Filme, ironische Filme, abgründige Filme über das Zeitgeschehen seit dem Zweiten Weltkrieg hätten es sein können, und wenn notwendig, dann eben ohne präzise Namensnennung der Täter.