Vor 36 Jahren starb André Breton, der Hohepriester des Surrealismus.

Seine Witwe Elisa, später ihre Stieftochter Aube, erhielten seitdem die Keimzelle jener umwälzenden Kunstbewegung: das Appartement in der Rue Fontaine 42, am Montmartre in Paris. Breton hatte es über 40 Jahre lang mit Gemälden, ozeanischen Masken, mexikanischen Votivtafeln, ausgestopften Paradiesvögeln, Büchern, Fotografien und Fundstücken zu einer Kunstkammer der Moderne komponiert.

Hier entstand das 1924 erschienene Surrealistische Manifest, hier wurde die Zeitung La Révolution Surréaliste gegründet. Die Wohnung im Vergnügungsviertel Pigalle war der regelmäßige Treffpunkt von Künstlern wie Max Ernst, Paul Eluard, Francis Picabia, Tristan Tzara, Man Ray

der Schriftsteller Louis Aragon gehörte dazu, der Filmemacher Luis Buñuel und viele andere. Der Surrealismus sollte alle Lebensbereiche revolutionieren, die Autonomie des einzelnen Werks zugunsten einer unhierarchischen, panoramaartigen Seh- und Lebensweise aufheben.

Allerdings behielt Breton sich vor, Direktor und Dompteur des Zirkels zu sein. Wer dazugehörte und wer nicht, bestimmte er: Salvador Dalø wurde als "übler Händler" exkorporiert, Max Ernst wurde aus ähnlichen Gründen nach der Verleihung des großen Preises der Biennale in Venedig aus dem Kreis ausgestoßen. René Magritte zog sich, in dem maßgeblichen Essay Der Surrealismus und die Malerei von Breton übergangen, nach kurzem Aufenthalt in Paris nach Brüssel zurück und ging eigene Wege.

Das Appartement in der Rue Fontaine ist ein Gesamtkunstwerk, ein Spiegel der Ideen des Surrealismus. Dieses einzigartige, in den Raum übersetzte Ideenkonzentrat kommt nun vom 8. bis 18. April bei CalmelsCohen im Hotel Drouot unter den Hammer, aufgeteilt in 5400 Lose. Weil der französische Staat kein Interesse zeigte, hatten Bretons Nachfahren den Plan einer Stiftung aufgegeben. Die Wohnung selbst wäre als Museum nicht infrage gekommen - dazu ist sie zu klein.

Um nach dem Tod der Witwe Bretons im Jahr 2000 die Erbschaftssteuer begleichen zu können, überließ die Tochter Aube dem Centre Pompidou einen repräsentativen Ausschnitt des Sammelsuriums und die persönliche Korrespondenz des Autors. Das restliche Inventar wurde nun in Häppchen zerstückelt. Die französische Zeitung Les Echos feiert die Versteigerung "als das seit Jahren wichtigste Ereignis in Paris", in völliger Verkennung, welch einzigartiger Schatz dadurch zerschlagen wird.