Schon der Anfang ist große Schlussmusik. Wie auf einer Filmleinwand läuft dazu der Abspann, während die Helden in der Landschaft verschwinden und das Bild einfriert. Diese CD beginnt mit der Melancholie des Abschieds und endet im Hymnus: ein Schwirren von Gitarrentönen und Geigen, ein Sänger, dessen Theremin-Stimme die Töne des Flügels umweht, ein Urvertrauen in den Wohlklang, mit dem man blind durch die Welt laufen könnte. Vier junge Isländer, die ihre Band Sigur Ros nennen, haben ein neues Album veröffentlicht, das zweite Werk, das außerhalb Islands registriert wird - nach ihrem aufsehenerregenden Debüt Agætis byrjun.

Der Titel des Klangzyklus schließt die Musik ein: in bloßen Klammern, ( ), die zum Symbol und zur Frage wird (fatcat/Pias 122, Vertrieb: Connected). Was steht innen, was außen? Und selten verrät das Äußere einer CD mehr von der Musik als bei Sigur Ros. Auf transparentem weißen Papier schimmern leicht silberglänzende Gräser, blattlose Zweige, Baumstämme, Erdflecken. Zarteste Umrisse, die auch übereinander gelegt im Ungefähren bleiben, die miteinander verschmelzen: Es ist das Bild der Musik, die sie spielen. Ein Titel geht in den anderen über, ist schon der andere, bevor die Track-Markierung umspringt.

Anschwellende Klangkörper aus Gitarren, Orgel und Syntheziser und Trommeln, langsam, ganz langsam, als könne ein schneller Schritt den Tod des Gefühls bedeuten.

Anfangs denkt man noch, die Verpackung sei Ausdruck des Inhalts, wobei das Material jenen edlen Schreibwarengeschäften entstammen könnte, in denen der Bogen Transparentgeschenkpapier vier Euro kostet. Bis dann klar wird, dass - umgekehrt - die Verpackung auf den Inhalt zurückschlägt. Die Stücke tragen keine Namen, alle Informationen sind aus der Hülle gelöscht, wer Genaueres, Credits oder etwa die Namen der vier Mitglieder von Sigur Ros erfahren will, wird aufs Internet verwiesen: www.sigur-ros.co.uk. Dazu passt, dass der Sänger in Hopelandish, einer Art Fantasiesprache, singt, die ans Englische gemahnt und meist aus ewig wiederholten Wörtern besteht, die - magischen Sehnsuchtsformeln gleich - die Sprache anhalten und zum Stillstand bringen.

Mancher mag es als Fortentwicklung registrieren: Während auf ihrem letzten Album noch Melodie und die Erinnerung an Songs im Vordergrund standen, sind jetzt - von Live-Auftritten übernommene - zehnminütige Gitarrensinfonien und Glockenklänge zu hören, die an den langen Atem des vergessenen Glenn Branca gemahnen.

Eine sympathische Zumutung für winterliches Halbdunkel. Dass auch im Stillstand Bewegung ist, lernt man nebenbei. Doch die Musik hält nur vor, solange sie klingt. Wer bei aller Euphorie nur kurz den Raum verlässt, fühlt sich pötzlich ausgeklammert. Dann ist es drinnen so unbehaust wie draußen.