Lange bevor Margarete Heber das Alter von 39 Jahren erreichte, fasste sie einen gewichtigen Entschluss: Sollte sie bis dahin nicht verheiratet sein, würde sie allein eine Familie gründen. Es erwies sich als schwierig. Fünf Jahre, 18 Anläufe, Entspannungsübungen und Kaffee-Entzug waren nötig, bis die Amerikanerin schwanger wurde. "Das sind eine Menge künstlicher Befruchtungen!", seufzt sie an einem nassgrauen Winternachmittag, während sie Äpfel, Trauben und Datteln auf einen Teller drapiert und Tee in einer pausbäckig-roten Kanne brüht. Heber ist klein und kompakt wie ein Fahrraddynamo, mit einem energischen Kinn und flinken Gesten. Bücher, Magazine und Prospekte stapeln sich auf dem Küchentisch und selbst auf den Stühlen.

Sie war 44 Jahre alt, als sie schwanger wurde, aber gesünder "als je zuvor in meinem Leben, das sagte sogar meine Mutter". Sie trank nicht, sie rauchte nicht, und die einzige Komplikation war eine gutartige Zyste, die sich im Geburtskanal bildete. Man beschloss daher, das Kind per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen. An einem Montag im Oktober sollte es so weit sein. Freitags zuvor ging Heber zu einer letzten Untersuchung. Alles schien in Ordnung zu sein. Das Baby war ein stattliches Mädchen, sieben Pfund schwer, 53 Zentimeter groß. Heber nannte es Elisabetha.

Am Sonntag erwachte sie und fühlte sich elend. "Mir war abwechselnd heiß und kalt, so, als würde ich krank." Elisabetha regte sich nicht. Besorgt eilte Heber ins Krankenhaus. Die Ärzte konnten den Herzschlag des Kindes nicht finden. Um 22 Uhr, weniger als 24 Stunden vor dem Geburtstermin, holten sie Elisabetha per Kaiserschnitt aus Margaretes Bauch. Sie war tot. Ein Arzt wickelte den Säugling in eine Baumwolldecke und legte ihn der Mutter in den Arm. "Sie war perfekt", erinnert sich Heber. "Sie hatte meine Stupsnase, meine weit auseinander stehenden Augen und das gleiche Kinn." Betäubt von Schmerzmitteln und Trauer, beugte sich Heber über ihre tote Tochter und murmelte wieder und wieder: "Es tut mir so leid." Auch eine Autopsie konnte nicht klären, weshalb Elisabetha starb. Noch vier Jahre später ist die Erinnerung unerträglich. Margarete Heber weint.

Die Zahlen sind erschreckend hoch

Der Schock traf sie umso heftiger, als "niemand während meiner Schwangerschaft auch nur erwähnt hatte, dass so etwas passieren kann. Man denkt, nach den ersten drei Monaten ist die Gefahr vorbei", sagt sie. Heber leitet das Überwachungsbüro des US-Umweltamtes EPA in Washington, D. C., und in den Wochen nach Elisabethas Tod betäubte sie ihren Schmerz, indem sie Totgeburten studierte wie ein Schadstoffproblem. Sie rief Experten an und brütete über Statistiken. Was sie herausfand, entsetzte sie. Jedes Jahr sterben in den USA mehr als 26 000 Föten, die längst über das riskante erste Trimester hinaus sind. Oder anders ausgedrückt: Mindestens eine von 149 Gebärenden bringt ein totes Kind zur Welt. Oder noch anders gerechnet: drei pro Stunde. "Mein Gynäkologe sagte: ,Liebe Güte, Margarete, das klingt aber hoch. Bist du sicher, dass die Zahlen stimmen?'"

Sie tun es, und nicht nur für Amerika. Auch in Deutschland, das deutlich weniger Geburten hat, sterben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jährlich rund 3000 Babys, noch bevor sie geboren werden. Damit entspricht die Zahl der Totgeburten - in den USA wie in Deutschland - in etwa der Zahl der Kleinkinder, die jährlich umkommen, aus welchem Grund auch immer. Und bei rund der Hälfte der Totgeburten finden die Mediziner nie heraus, was die Babys tötete. In einer Ära, in der Reproduktionsmediziner das Geschlecht von Kindern programmieren und Chirurgen Föten im Mutterleib operieren, sind Totgeburten, in den Worten eines Arztes, "das große Rätsel der Geburtshilfe".

Größtenteils liegt das daran, dass sich bislang kaum ein Forscher um die toten Babys kümmerte. Lässt Ruth Fretts von der Harvard Medical School die Namen der Kollegen weltweit an sich vorbeiziehen, die sich wie sie mit Totgeburten beschäftigen, ist sie schnell fertig. "Es sind ein Dutzend, nein, weniger als zehn", sagt sie. "Es sterben elfmal mehr Babys an Totgeburten als am plötzlichen Kindstod. Aber der wird viel intensiver erforscht."