Nun haben wir also die "Bescherung im Kopf" - dort, wo auch schon der "Geist", die "Musik", ja der "Kosmos" untergebracht sind, wie uns allerhand einschlägige Buchtitel verkünden. Wer Weihnachten verstehen will, so Spitzer, muss wissen, wie das Gehirn arbeitet: Es "belohnt uns" mit seinem Opium für artgerechtes Verhalten, und als opiatabhängige Agenten dieses Belohnungssystems greifen wir dann an Weihnachten zu Liederheft oder Geschenkpapier, um uns einen angenehmen Kick zu verschaffen. So ist das also.

Freilich ist schon der Begriff "Belohnung" nur aus unserer eigenen lebensweltlichen Erfahrung heraus verständlich - an einem Apparat, der in Megabytes von Einsen und Nullen funktioniert, könnten wir niemals ablesen, was ein solches Gefühl überhaupt ist. Neurobilogisch gibt es da rein gar nichts zu "verstehen", so wenig wie uns das Aufleuchten von Hirnstrukturen anzeigt, was Liebe oder Freude ist. Eine noch einfachere Überlegung zeigt, dass es mit dem neurowissenschaftlichen Verständnis von Weihnachten nicht weit her sein kann: Wer als Angehöriger einer fremden Kultur unsere Weihnachtsbräuche nicht kennt, der wird ihnen etwa so gegenüberstehen wie wir einem Regentanz der Hopi. Er versteht sie nicht, und daher reagiert sein neuronales "Belohnungssystem" auch nicht. Das Gehirn ist nämlich - das haben gerade die Forschungen der vergangenen Jahre gezeigt - selbst ein kulturell und lebensgeschichtlich in so hohem Maß geprägtes Organ, dass es einer völligen Verkehrung gleichkommt, in ihm die Ursache kultureller Phänomene suchen zu wollen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Das Gehirn lässt sich nicht wirklich begreifen ohne die Kultur, in der es sich entwickelt hat.

Dr. Thomas Fuchs, Heidelberg Psychiatrische Universitätsklinik