Nichts braucht weniger Erklärung als das Unglaubliche. Es ist ohne viel Hinterfragen da, protzt mit seiner schlichten Existenz. Es nährt sich von der Schaulust seiner Entdecker, gedeiht unter ihrer Vorstellungskraft ins Monströse und stemmt sich mit seinem kategorischen XXL gegen jede Differenzierung. Sein Reich ist nicht fantastisch, es ereignet sich im Koordinatensystem des Realen. Das macht die Angelegenheit umso schauerlicher und jagt aller hausgebräuchlichen Vernunft einen Heidenschrecken ein.

In Die unbarmherzigen Schwestern von Peter Mullan spielt sich das Unglaubliche Mitte der sechziger Jahre hinter den Klostergemäuern der irischen Magdalene Sisters ab. Während der Rest der westlichen Welt in Beatles-Konzerte stürmt, die Vorzüge der Antibabypille genießt und das Establishment mit alternativen Lebensentwürfen provoziert, durchleiden die "gefallenen Mädchen" ihre Einkerkerung in dem katholischen Orden. Sie werden geschoren und gezüchtigt. Ihre Habseligkeiten müssen sie dem Klosterregiment überlassen und ihre Namen gegen den einer Heiligen eintauschen. Als lebenslängliche Buße für ihre Sünden schufteten etwa 30 000 Frauen ohne Lohn in den Wäschereien des Sankt-Magdalenen-Ordens. Ein Skandal, den Kirche, Staat und Öffentlichkeit jahrzehntelang stillschweigend hinnahmen. Erst 1996 wurde das letzte Magdalenenheim in Irland geschlossen.

Der Film interessiert sich jedoch kaum für das Phänomen der Gleichzeitigkeit von mittelalterlicher Grausamkeit und den emanzipatorischen Bewegungen der sechziger Jahre. Er entscheidet sich gleich und ganz für die Binnenperspektive und fügt all den Passionsgeschichten von Frauen hinter Gittern seine Leidensvarianten hinzu. In den gedeckten Farben eines mitfühlenden Naturalismus erzählt Peter Mullans (The Orphans) zweiter Film von Bernadette, Margaret und Rose. Es sind junge Frauen, die nichts anderes "verbrochen" haben als ihre Geschlechtlichkeit. Die offensive Bernadette aus dem Waisenhaus, die man einfach gestrengeren Händen übergibt, als die Blicke der Jungs zu klebrig, ihre Anspielungen zu unverblümt werden. Rose wird von ihren Eltern nach der Geburt ihres unehelichen Kindes zur Adoption gedrängt und zu den Nonnen abgeschoben. Margaret, die von ihrem Cousin vergewaltigt wurde, wird von der eigenen Familie bei den Schwestern als Schande entsorgt.

Präzise und ausgiebig schildert der Film, der in Venedig den Goldenen Löwen und eine Menge kirchlicher Schelte einstecken durfte, die klösterliche Zermürbungsarbeit. Women in black, die mit dem Rohrstock Erinnerungen an ein Leben vor dem Heim auslöschen und alle Hoffnung auf eines danach vertreiben.

Hier gibt es nur Opfer. Das Böse bleibt ein stumpfer Apparat. Eine theokratische Exekutive, die als verlängerter Arm einer von den aufständischen Zeiten geschwächten patriarchalen Ordnung zuschlägt. Die Familie als traditioneller Ort der Strafen und der sexuellen Unterdrückung hat sich zurückgezogen.

Geschichten von furchtbar leidenden Frauen in klösterlichen Gemäuern wurden schon oft erzählt. Und die wenigsten haben die Größe von Jacques Rivettes Die Nonne (1966), der die seelischen Qualen so kühl und abstrakt bebildert, dass die grausame Mechanik, mit der das Regelwerk einer Gemeinschaft den individuellen Willen bricht, nur umso sichtbarer wird. Mullan hingegen malt die Repression aus. Detailliert und nicht ohne Leidenschaft. Dekor, Farbe und Musik sublimieren die Dramen der Frauen und unterwerfen sie einer aufdringlichen Symbolsprache. Da lecken sich die Nonnen beim Geldzählen die Finger. Ein Priester schwitzt vor Hingabe beim Singen. Im Takt der Trommel baumelt ein Kruzifix.

Das Tatsächliche ist Mullan dabei Vorbild und Deckung zugleich. Denn im Windschatten des So-war-es-Gestus, werden Skepsis und Kritik leicht zu einer Frage der Moral. Der Regisseur, der als Schauspieler unter anderem in Ken Loachs Riff-Raff bekannt wurde, will aufklären. Auch wenn er dabei offene Türen einrennt. Er will uns Empörendes vor die Augen werfen. Und so ist die Kamera die einzige Instanz, die es manchmal gut mit den Mädchen meint. Wie eine Arztfigur im klassischen Melodrama betrachtet sie die Körper der Frauen in ihrer Ganzheit und spricht ihnen ihre Identität zu. Sie diagnostiziert Befindlichkeiten und seelische Verletzungen, vom Masochismus bis zur Neurose.