Kurz vor dem Beginn des neuen Jahres malten die Lobbyisten der deutschen Industrie ein düsteres Bild. Mit Deutschlands Exportindustrie ginge es bergab. Die "Schmerzgrenze" sei erreicht, warnte Metall-Arbeitgeberpräsident Martin Kannegiesser. BDI-Präsident Michael Rogowski fürchtete "negative Auswirkungen auf deutsche Firmen". Und auch Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, mahnte, dass "der deutsche Export schwächer werde". Die Börse schien das zu bestätigen: Aktien von ausfuhrabhängigen Industrien wie Automobil- und Maschinenbau brachen ein, während die übrigen Papiere stabil blieben. Und das alles, weil der Euro mit einem Kurs von 1,05 Dollar auf den höchsten Stand seit drei Jahren kletterte.

Die alten Reflexe zeigen sich. Dabei hängt das Wohl und Wehe der Unternehmen längst nicht mehr so stark von den kurzfristigen Schwankungen der Wechselkurse ab wie früher. Es stimmt zwar: "Viele Exporterfolge im Ausland sind in den letzten Jahren vor allem über den Preis erzielt worden", so Kurt Demmer, Chefvolkswirt der Deutschen Industriebank IKB. Deutsche Autos, Maschinen und Anlagen verkauften sich zu Wechselkursen unterhalb von 0,90 Dollar je Euro wie geschnitten Brot. Doch auch heute noch profitieren Unternehmen vom schwachen Wechselkurs der Vorjahre. Vor allem große und kapitalstarke Firmen haben sich die niedrigen Eurokurse der Jahre 2000 und 2001 durch den Einsatz von Finanzinstrumenten langfristig gesichert - ob der Euro steigt oder fällt, kann ihnen zumindest kurzfristig egal sein.

Problematisch ist eine Veränderung des Wechselkurses lediglich für kleine und mittlere Exporteure, die sich eine Währungsabsicherung nicht leisten können oder wollen.

Das Risiko lässt sich verhältnismäßig einfach kalkulieren. Ein Beispiel: Bei einem Wechselkurs von einem Euro für einen US-Dollar erlöst ein deutscher Automobilhersteller 50 000 Euro, wenn sein in Deutschland hergestelltes Fahrzeug in den USA für 50 000 Dollar verkauft wird und der amerikanische Händler diesen Betrag nach Deutschland überweist. Steigt der Kurs des Euro, wie in den vergangenen Wochen tatsächlich geschehen, auf 1,05 Dollar je Euro, muss er den Verkaufspreis in den USA auf 52 250 Dollar anheben, um hierzulande den gleichen Umsatz von 50 000 Euro zu erzielen. Weil seine Fahrzeuge in den USA dann aber mehr kosten, würde er weniger verkaufen können. Lässt er den Dollar-Preis hingegen unverändert, erlöst er nur umgerechnet 47 620 Euro - das drückt auf seinen Umsatz und Gewinn in Deutschland.

Die großen Exporteure haben ihre Lektion aus den starken Währungsschwankungen der siebziger und achtziger Jahre gelernt. So stand Porsche - das Unternehmen erzielt knapp die Hälfte seiner Umsätze in den USA, produziert aber ausschließlich in der Euro-Zone - vor zehn Jahren kurz vor der Pleite. Nach einem langen Sturzflug des Dollar von 4 Mark im Jahre 1985 auf 1,35 Mark Anfang 1993 waren die deutschen Sportwagen in den USA nicht mehr konkurrenzfähig. Da der Autobauer von Währungssicherungen seinerzeit nichts wissen wollte, schlug die starke Mark voll auf den Verkauf durch, und der Jahresabsatz in den Vereinigten Staaten brach von vormals mehr als 30 000 auf gerade mal 4000 Fahrzeuge ein.

Im vergangenen Jahr rollten wieder 22 500 Porsche von den Höfen der US-Händler, und die Aktie gehörte zuletzt trotz steigendem Euro zu den Lieblingen von Analysten und Investoren. Sie schnitt deutlich besser ab als der Gesamtmarkt und andere Autoaktien. Der Kurs des Euro interessiert Porsche nur am Rande: Bis zum Jahr 2006 hat sich Porsche am Devisenmarkt gegen einen steigenden Euro quasi vollkaskoversichert. Erst ab 2007 schlägt ein höherer Euro auf die Erträge des Unternehmens durch. Konkret heißt das: Mittels hochkomplizierter Finanzprodukte am Terminmarkt hat Porsche schon heute seinen für die nächsten Jahre erwarteten Umsatz in Dollar verkauft. Das dahinter stehende Kalkül: Der lange Zeit schwache Wechselkurs des Euro spiegele nicht seinen tatsächlichen Wert wider.

"Wir haben doch alle gewusst, dass ein Kurs von unter 90 Cent langfristig nicht haltbar war", sagt Joachim Herr von BMW. Auch der Münchner Autohersteller hat sich für die nächsten zwölf Monate komplett gegen Schwankungen zwischen Euro und Dollar abgesichert. Ein Team von sieben Devisenexperten passt bei BMW die Absicherung an die aktuellen Absatzprognosen an. Ihnen steht ein Währungsausschuss von weiteren sieben Mitgliedern zur Seite.