Wenn im Verhältnis von Juden und Nichtjuden hierzulande immer wieder "Normalität" eingefordert wird, so heißt das, sich auf den Pluralismus der Weimarer Republik zu besinnen: Damals waren Staatsbeihilfen für die verschiedenen religiösen Blöcke im Judentum, für die liberale Mehrheit und die orthodoxe Minderheit, gang und gäbe - und bis zur Zwangsvereinigung unter den Nationalsozialisten war eine Gesamtorganisation der deutschen Juden ganz und gar unbekannt.

Der Publizist Ernst Cramer hat im August 1999 zu Recht gefragt, ob der Zentralrat der Juden in Deutschland als Nachfolgeorganisation der 1933 von den Nazis erzwungenen Reichsvertretung der deutschen Juden eigentlich noch zeitgemäß sei, und Josef Joffe konstatierte im Sommer 2000 in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung: "Konkurrenz tut gut. Deutschlands Judentum muss endlich pluralistisch werden." Die bundesdeutsche Gesellschaft schmückt sich heute gern mit der Erinnerung an die Größen des deutsch-jüdischen Geisteslebens der Vorkriegszeit

selbst der Zentralrat nimmt immer wieder den Namen der Symbolfigur des liberalen deutschen Judentums, Rabbiner Leo Baeck, für sich in Beschlag, ohne aber etwas vom lebendigen liberalen Judentum von heute wissen zu wollen.

Hartmut Bomhoff, Berlin Redaktion "Keschet"

Uri Regev macht als Repräsentant der weltweit größten religiösen Bewegung des Judentums leider zu Recht auf die erschütternde Ungleichbehandlung jüdischer Gemeinden in Deutschland aufmerksam, was den Zugang zu öffentlicher Förderung betrifft. Der heute gängige selektive Ansatz der Mittelgewährung geht an der angestrebten Zielsetzung vorbei: jüdisches Leben in seiner ganzen Vielfalt zu stärken und damit an die Vorkriegszeit anzuknüpfen. Damals war das liberale Judentum aber aus gutem Grund die vorherrschende Richtung der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands.

Die österreichische Situation gäbe ein gutes Beispiel. Die liberale jüdische Gemeinde Or Chadash in Wien ist ein geachteter Bestandteil der Israelitischen Kultusgemeinde dieser Stadt. Die großzügige Förderung durch das Land Wien und die Republik Österreich erfolgt direkt und mit ausdrücklichem Wohlwollen der Kultusgemeinde. Das spiegelt den respektvollen Umgang wider, wie er die Einheitsgemeinden vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland kennzeichnete. Es muss doch möglich sein, dass Deutschland Steuergelder so auf die jüdische Gemeinschaft verwendet, dass sie nicht diskriminierend wirken.

Dr. Walter Homolka, Wien Hauptrabbiner der liberalen jüdischen Gemeinde Or Chadash