Als der fast vergessenene Nationale Ethikrat, ein verfassungsrechtlich zweifelhaftes Relikt aus der ersten Amtszeit Schröder, vor einiger Zeit zu einem Stelldichein rief, glaubte man seinen Ohren nicht zu trauen. In bioethischen Fragen, so ließen sich einige Mitglieder vernehmen, wolle man sich "akademischer Quisquilien" entledigen und endlich gewichtigeren Dingen zuwenden. Worin aber besteht die Aufgabe eines Ethikrates, wenn nicht in der ethischen Reflexion des wissenschaftlichen Fortschritts?

Welche Fragen sich der Nationale Ethikrat derzeit vom Hals schaffen möchte, lehrt der Blick in das neue Buch des Tübinger Philosophen Otfried Höffe. Für Höffe wäre es absurd, ethische Reflexion als "akademische Quisquilien" zu betrachten, ist sie doch der Preis, den wir für den Fortschritt der Naturwissenschaften entrichten müssen. Moral ist der notwendige "Kontrapunkt zu allen Innovationen", und ihre Bürde können wir nicht abschütteln, erst recht nicht mithilfe einer vitalistischen Metaphysik, die uns mit der Botschaft tröstet, das "Leben" oder wahlweise die "Evolution" werde es schon richten. Kurzum, moralische Fragen stellen sich nicht darum, weil Philosophen keine Ahnung von den Naturwissenschaften haben, sondern weil "bis dato gültige Leitprinzipien keine gültige Orientierung mehr über das geben, was moralisch erlaubt und was moralisch verboten ist".

Was aber dann? Höffe empfiehlt zunächst eine doppelte Skepsis. Einmal gegenüber den Apokalyptikern, die Gentechnik als Teufelszeug betrachten

zum anderen gegenüber jenen Bio-Propheten, die den wissenschaftlichen Fortschritt zu einem Geschenk des Himmels verklären, das uns vom kreatürlichen Leiden, von Altern und Sterblichkeit erlöst. Kompromisslos, mit einem ganzen Bündel kantianischer Argumente im Köcher, verurteilt Höffe die verbrauchende Embryonenforschung. Ihre Praxis sei prinzipiell und ohne Einschränkung verwerflich, weil sie menschliches "Leben" töte und es fremden Zwecken dienstbar mache.

Was Kritiker als "bloßen Zellhaufen" abtun wollten, trage "von Anfang an, als befruchtete Eizelle mit dem doppelten Chromosomensatz, das volle Lebensprogramm für die Entwicklung eines Menschen in sich". Die Zelle entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern als Mensch - und genau deshalb genieße der Lebensschutz grundsätzlich Vorrang vor dem Hilfs- und Heilungsgebot, erst recht vor den Verheißungen, die Wissenschaftler laut Höffe teils zu früh, teils zu leichtfertig in die Welt setzen.

Höffe ist von einem ungebrochenen Optimismus, wenn er glaubt, der wissenschaftliche und medizinische Fortschritt ließe sich normativ steuern und vor "das Forum der Verbindlichkeit, Rechtfertigung und Argumentation" zitieren. Die Technik "als solche schreckt die Moralphilosophie nicht. Sie verlangt ,nur', dafür zu sorgen, daß die Initiative beim Menschen liegt ... und daß sich die Spielregeln dem Anspruch der Moral unterwerfen."

Weniger überzeugend fällt sein Versuch aus, dieser normativen Steuerung des wissenschaftlichen Fortschritts eine antike Tugendethik zur Seite zu stellen, gleichsam eine philosophisch belehrte Erinnerung an Hinfälligkeit und Schwäche, Altern und Tod. Was Höffe vorschwebt, ist eine Art semantische Kurskorrektur im öffentlichen Bewusstsein. Der vergessene Sokrates möge uns, den Töchtern und Söhnen des wissenschaftsgläubigen Descartes, noch einmal das Sterben lehren und biomedizinische Allmachtsfantasien in die Schranken weisen - mit den Tugenden von Klugheit und Gelassenheit, Besonnenheit und Bescheidenheit.