Die irische Harfe, die Eule aus Athen, die französische Marianne - auf der Rückseite der Euro-Münzen herrscht eine bunte Vielfalt der Motive. Aber obwohl es 120 verschiedene Münzen in der Euro-Zone gibt, findet der deutsche Verbraucher, wenn er nicht gerade im Urlaub ist, in seinem Portemonnaie fast ausschließlich die heimischen acht mit Eichenlaub, Brandenburger Tor oder Bundesadler auf der Rückseite vor.

Dabei hatten Mathematiker vor Jahresfrist vorhergesagt, dass es bald eine bunte Vielfalt in jedem Geldbeutel geben werde. Sie betrachteten die Münzwanderung als einen Diffusionsprozess, wie er aus der Physik bekannt ist: Man stellt sich die 15 Euro-Länder als 15 Behälter vor, die mit unterschiedlichen Gasen gefüllt und durch zunächst verstöpselte Röhren verbunden sind. Zieht man auf einen Schlag alle Stöpsel heraus, dann beginnen sich die Gase zu vermischen - und nach einer Weile ist in allen Behältern dasselbe Gemisch vorhanden.

Entsprechend sollten irgendwann in sämtlichen Euro-Ländern etwa 35 Prozent der Münzen aus Deutschland stammen, 17 Prozent aus Frankreich und so weiter - entsprechend der von der jeweiligen Nationalbank ausgegebenen Mengen an Münzen.

Mehrere Projekte haben es sich zum Ziel gesetzt, diesen Diffusionsprozess zu verfolgen. Freiwillige Teilnehmer zählen zu bestimmten Stichtagen den Inhalt ihrer Geldbörse aus und melden dann übers Internet die Verteilung. Der Niederländer Misja Nuyens, Doktorand an der Universität Amsterdam, prophezeite zu Beginn des vergangenen Jahres, dass "möglicherweise bereits Ende 2002" das Gleichgewicht erreicht sein werde. Doch sowohl bei den niederländischen als auch bei den belgischen Teilnehmern stammten zum Jahresende drei Viertel des Münzbestandes aus dem eigenen Land, obwohl dort nur jeweils fünf Prozent der Münzen geprägt wurden. In Deutschland sieht es ähnlich aus: Die Zahlen des Mathematikers Dietrich Stoyan von der Universität Freiberg in Sachsen lassen keinen Vereinigungstrend erkennen. Der "Ausländeranteil" geht sogar eher zurück, im Dezember betrug er bei den 1-Euro-Münzen nur 2,9 Prozent.

Woran liegt's? Neben der statistischen Unzuverlässigkeit der Euro-Melder macht Stoyan die Münzsammler verantwortlich - die würden jede ausländische Münze, die bei uns auftaucht, umgehend aus dem Verkehr ziehen. Allein vom 1-Euro-Stück könnten nach seiner Überschlagsrechnung 80 Millionen Exemplare in Sammelalben verschwunden sein. Das vermutet auch Nuyens als Ursache.

Außerdem führt er die Sparstrümpfe seiner Landsleute an - die seien ja Anfang 2002 leer gewesen und danach erst einmal wieder aufgefüllt worden. Und zwar mit "gemischtem" Geld, das dann von der niederländischen Zentralbank wieder durch frische Inlandsmünzen ersetzt worden sei.

Ganz befriedigend sind die Erklärungen der Wissenschaftler nicht. Könnte es nicht auch an ihren Modellen liegen - bei Stoyan ein kompliziertes System aus 144 Differenzialgleichungen, die den Verkehr zwischen den einzelnen Ländern simulieren? Beide Experten halten eisern an ihrer Prognose fest, dass sich das Geld irgendwann doch mischen wird, wenn auch langsamer als gedacht. "Die totale Durchmischung wird meiner Meinung nach erst in den zwanziger Jahren vorliegen", sagt Dietrich Stoyan. "Wenn es dann den Euro noch gibt."Weitere Informationen im Internet: