Die Höhepunkte meiner Schulzeit waren die Ferien und die Zeugnisse. Auf Erstere freute ich mich ein Jahr lang. Letztere fürchtete ich sehr. Ähnlich geht es Feinschmeckern am Jahresende. Dann nämlich erscheinen die beiden wichtigsten Restaurantführer, der Michelin (neuerdings Der Rote Michelin-Führer genannt) und der GaultMillau.

Wer ihr Erscheinen freudig erwartet, das sind wir, die Gäste auf der Suche nach der besseren Küche. Gefürchtet werden die beiden Bücher von der Gastronomie, genauer gesagt, von den Küchenchefs, die nicht sicher sind, ob der einsame Esser damals im Mai, als der Fischkoch seinen Koller hatte und die Saiblingfilets verbrannte, ob dieser stumme Gast an Tisch neun nicht ein Tester von Michelin war. Mit dieser Unruhe in seiner Seele sieht unser Koch den Neuerscheinungen nicht so gelassen entgegen wie der Klassenprimus, dem in allen Fächern die Bestnoten sicher sind.

Nun sind sie also längst erschienen, und was sehen wir? Wir sehen den Klassenprimus strahlen und ein paar andere schmerzhaft das Gesicht verziehen.

Das ist seit Jahren so, und da der Primus derselbe ist wie im vorigen Jahr und im Jahr davor, könnte man die Aufregung über die beiden Führer als übertrieben abtun. Wäre da nicht der fundamentale Unterschied zwischen dem roten und dem anderen.

Der besteht in den Kommentaren des Gault-Millau. Während nämlich der Michelin seine Sterne wortlos vergibt - in diesem Jahr gibt es erstmals kurze, aber nicht wertende Beschreibungen von Restaurants und Hotels -, begründet der GaultMillau seine Beurteilungen wortreich. Das ist theoretisch eine große Hilfe für den Leser, der auf diese Weise erfährt, warum Harald Wohlfahrt von der Traube in Tonbach beständig an der Spitze der beurteilten Köche steht und warum Jean-Claude Bourgueil, der bei Michelin ebenbürtig neben Wohlfahrt rangiert, warum also der Patron des Düsseldorfer Schiffchens in den Augen des Cheftesters von GaultMillau so viel schlechter kocht.

Doch das liest man jedes Jahr aufs Neue, und auch wenn die Redaktion sich Mühe gibt, die Formulierungen zu variieren, wirken die Begründungen für die vergebenen Punkte wie ein aufgewärmtes Gratin. Vor allem die unvermeidliche Aufzählung der vom Tester verputzten Delikatessen. Köstlich sein Barsch in ... oder Untadelig wie immer ... sagen wenig darüber aus, ob ich dort gut oder mittelmäßig essen werde. Dafür sind die Punkte zuständig, mit denen die getesteten Restaurants benotet werden wie bei Michelin mit Sternen. Da sich die Bewertungen selten so krass widersprechen wie im Fall des Düsseldorfer Schiffchens, kann man beruhigt feststellen, dass die beiden Führer eine gleichermaßen nützliche Funktion ausüben.

Umso erstaunlicher die Reaktion der betroffenen Branche. Die Gastronomen halten den Michelin für weitaus wichtiger als den GaultMillau. Die Verleihung der Sterne erwarten sie mit erheblicher Aufregung die Punkte von GaultMillau dagegen bedeuten ihnen wenig.