Statt Weihnachtsgans wurde für die erlebnishungrigen Journalisten nur eine "Ente" serviert. Die Chemikerin Boisselier zelebrierte eine Neuinszenierung der Schöpfungsgeschichte. Eva, kombiniert mit Christkindgeburt á la Hollywood. Sie verkündete die Geburt des ersten Klonkindes der Welt. Angesehene Wissenschaftler haben sich über die Geschichte mokiert und bisher haben weder die Schöpferin noch die dahinter stehende Ufo-Sekte Beweise dafür vorlegen können, dass sie sich wirklich so abgespielt hat. Gut möglich, dass wir einer Verrückten lauschen. Meine Sorge ist nun, dass es vielleicht diesmal noch nicht geklappt hat - aber wer sagt mir, dass es nicht in Zukunft so weit kommen könnte? Denkbar wäre es doch, dass das Klonen bald so verbreitet ist wie das Lottospielen. Wenn wir erst wissen, wie sich mit nur einer Zelle genaue Reproduktionen von uns selbst herstellen lassen, kann das für die Menschheit zu einem ganz neuen, aufregenden Spiel werden.Ich hätte nichts dagegen, tausend Menschen wie mich zu reproduzieren, weil ich glaube, dass die Welt sie braucht. Aber ich wäre ganz entschieden gegen auch nur einen weiteren Herr Täuschleer, meinen Nachbarn. Er ist ein unmöglicher Mensch. Er wäscht nie seinen Daimler, zweifelt an der Berechtigung von Kehrwochen. Er lässt seinen Hund im ganzen Viertel frei herumlaufen und wenn man nach den leeren Flaschen in seinem Mülleimer geht, trinkt er hier in Stuttgart nur badischen Wein. Irgendwas stimmt nicht mit seinen Genen und wenn wir seine Zellen zum Klonen freigeben würden, wäre in unserem Viertel der Teufel los.Andererseits gibt es die schöne Frau Sommer mit den "Supergenen" bzw. Maßen 95/60/95. Sie arbeitet in der gleichen Firma wie ich. Frau Sommer ist bildschön, intelligent, und es ist eine Freude, sie anzusehen. Auf unserem Stockwerk sagen alle, wie schade es doch ist, dass es nur eine Frau Sommer gibt. Erst jetzt nach der Klonmöglichkeit erwähnte mein Kollege, der Klaus Wege, in der Kaffeepause: "Jedem seine Frau Sommer - wäre das nicht schön!"
"Wenn sie das mit dem Klonen erst so richtig raus haben", sagte ich, "vielleicht können wir uns von ihr eine Kopie leisten."
Unser Kaffee dampfte vor Begeisterung. Aber Spaß beiseite, wir alle müssen uns ernsthaft mit den moralischen Fragen auseinandersetzen, die das Klonen aufwirft. Natürlich wäre die Formel 1 zukünftig interrasanter, wenn die Schumacher-Brüder zum Klonen freigegeben sein sollten. Aber könnte die Welt sich zwei George W. Bushs leisten? Würde der liebe Johannes Rau Bundespräsident und uns allen so viel bedeuten, wenn gleichzeitig Tausende von seiner Sorte herumliefen? Und ebenfalls sicher gibt es ein Maximum an Reich-Ranicki, die das Land gerade noch ertragen kann!Störend ist auch, dass das Klonen zunächst sehr kostspielig sein wird, so dass nur reiche Leute Geld genug haben werden, sich kopieren zu lassen. Bis die Preise sinken, werden wir zunächst also in großen Mengen nur Spitzenmanager, wie Bahnchef Mehdorn oder Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, reproduzieren können, die mit zunehmender Zahl über ihre Lobby immer höhere Preise durchsetzen werden unter dem Vorwand, dass sie ja nun viel mehr Mäuler zu stopfen haben.Wenn dann die neue Mitte sich das Klonen leisten kann, wird sie vermutlich den Bundestag dazu bringen, es den Armen gesetzlich zu verbieten, weil man die höheren Kosten für die Sozialfürsorge scheut.Es wird ein gewaltiges Durcheinander geben, wenn wir das Problem nicht schon heute gründlich durchdenken. Jeder muss sein eigenes Herz tief erforschen und sich fragen: "Möchte ich, dass ein genaues Duplikat meiner selbst meinen Platz einnimmt, wenn ich nicht mehr bin, oder bin ich bereit, meine Zellen zum Wohle der Menschheit abzutreiben?" Bis dahin "seid fruchtbar und wehret Euch"! Istvan Hidy
Störzbachstr. 13
70191 Stuttgart