In dieser Nacht gebärdet sich die Weltraumküste wie ein schäumender Tiger. Der Atlantik tobt. Am Satellite Beach, nahe Cape Canaveral, kleben die Menschen vor den Fernsehgeräten, starren auf den Wetterkanal. "Morgen ist Land unter", prophezeit Carl Parker, "schon jetzt steht die Flut fünf Zentimeter hoch auf den Highways, lassen Sie Ihr Auto daheim." Für die Zuschauer zeigt der Meteorologe, was in ein "Emergency Desaster Kit" gehört: Taschenlampe, Radio, Dosenöffner. Das Nötigste halt. Wie in der Raumfahrt. Die fürchtet Unwetter besonders. Die Endeavour- Landung wird gerade zum dritten Mal verschoben. Die Raumfähre hat bloß noch Treibstoff für drei weitere Versuche. Mit ihrer Besatzung bangt die ganze Space Coast. Vor allem der Seitenwind ist tückisch. Let’s go, sagt sich eine Familie aus Wisconsin.

Sie trotzt dem Wolkenbruch. Zeitig am Morgen packen Clete und Charlene ihre drei Mädchen in den metallisch schimmernden Mercury. Eier und Toast fallen aus. Schließlich sehen sie Tafelfreuden mit einem echten space hero entgegen: einem "Gourmetmahl" im Kennedy Raumfahrtzentrum, dem Herzstück der Nasa, das viele Besucherattraktionen hat und weitere tasty menu options warm hält. Planetarische Pizza etwa.

"Ekelhafte Pampe", schimpften einst die Teilnehmer der Gemini-Mission das Essen in der Raumkapsel. "Es ist", fanden die Raumpioniere, "als lebe man in der Mülltonne." Wurde die Verpflegung inzwischen verfeinert? Die Vitrine im Imax-Theater gibt einen Vorgeschmack. Die dort auf Goldfolie arrangierte Astronautenkost umfasst Delikatessen wie eine museale Hüttenkäsekomposition mit schwarzem Johannisbeerpüree aus der Tube und Shrimpcocktails, motorölschwarz und dehydriert in transparenter Vakuumverpackung. Die Familie schluckt. Der Himmel speit Wasser.

High noon. Im Lunch-Pad-Restaurant ist Einlass für Dine with an astronaut. Dutzende zücken ihr Ticket. Die Lokalität in Reichweite der Launch Pad genannten Abschussrampe, von der aus vor drei Jahrzehnten die letzten Männer zum Mond sausten, hat von dieser ihren Namen und verblüffende Ähnlichkeit mit einer, hm, Firmenkantine. In der Ecke lehnen Kehrichtschaufel und Besen. Billig sind die Bodenfliesen. Patrioten freuen sich über wehende Stars and Stripes an der Kunststoffverkleidung der Decke. Man sitzt an langen Tafeln. Das Resopal schützen weiße Tischdecken. Aus Spielzeugraketen wachsen Stoffblümchen, blau, weiß, rot. Im Rost eines Metallstapelstuhls klemmt noch ein Brokkoliröschen vom Vortag. An der Stirnseite des Raums steht ein Videogerät, daneben ein von Designerhand garantiert unberührtes Stehpult. Zu essen gibt es vom Büfett. Auf den Rechauds schmoren Gemüsescheiben, Kartoffelhälften und Hühnerteile. Sichtlich zu stark erhitzt. Dafür ist die Pasta lauwarm. Erstickt gluckst rote Sauce. Eine Art Bolognese. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Am Rigatoni-Topf sammeln sich Kids. Mit Eistee und Pepsi wird nachgespült. Die Menge mampft. Der Countdown läuft. Und ein Videofilm. Sitcom-Klamauk aus der Stratosphäre. Alberei im Weltall. Claqueure applaudieren Astronauten, die in der Schwerelosigkeit nur schwer in die Jeans kommen. Wer wollte nicht schon immer wissen, wie da oben das Anziehen ist? Im Nu ist eine Viertelstunde rum. Nun muss aufgegessen sein. Denn jetzt geht’s los. Einige sichern sich noch den Nachtisch: Chocolate Liftoff, den Schokoflieger im H-Sahne-Bett. Doch der ist verzichtbar. Annemieke nicht. Wer sonst sollte den Menschen den Astronauten vorstellen. "Mein Name ist Annemieke", sagt Annemieke, "ich bin Ihre heutige Gastgeberin."

Der Weltraum-VIP sieht aus, als würde er lieber Boule spielen

Erst hat sie Autogrammfotos vom Astronauten neben die Teller gelegt, dann will sie welche wieder zurück: "Eins genügt pro Familie." In dem Augenblick naht der Astronaut. Er heißt Jean-Loup. "Jetzt klatscht mal alle schön." Wofür? Er trägt weder Moonboots noch einen Raumanzug mit Sauerstoffpolstern, dafür ist er live. Als Garderobe hat er braune Halbschuhe zu weißer Freizeithose und einem roten Polohemd gewählt. Das Blouson dazu leuchtet blau wie die Servietten. Ein Nasa-Aufnäher und Frankreichs Flagge sind seine einzigen Insignien. Man könnte meinen, der Weltraum-VIP mit dem silbergrauen Schopf sei auf dem Weg zum Boule-Spiel im Sand von La Rochelle, wo er zur Welt kam, im Sternbild des Löwen übrigens. Lässig schiebt er die Linke in die Hosentasche. Mit der Rechten ergreift er das Mikro. Dann erzählt Monsieur Chrétien aus seinem Leben. Das dauert zehn Minuten. Vor 20 Jahren war der Sohn eines Matrosen der erste Westeuropäer im Weltraum. Er hat Kennedy-Charisma, den Lenin-Orden und – "8000 Flugstunden", souffliert Annemieke. Hiernach darf ihn das Publikum befragen. "Sagen Sie zuerst Ihren Vornamen und woher Sie kommen", verlangt Annemieke. Sie geht von Tisch zu Tisch und wiederholt die Fragen, damit auch der Astronaut sie versteht. Was für Raumfahrer am schlimmsten sei, will Nicky aus New York wissen. "Am schlimmsten ist die lange Wartezeit", sagt Jean-Loup, "nach jeder Landung will man gleich wieder los." Und die Familie?, fragt eine Mutter sorgend. "Die Familie ist einem körperlich und geistig nahe, selbst wenn sie weit weg ist." Schon mal was ganz Schreckliches erlebt?, fragt Charlenes Älteste mit großen Augen. "Es gibt bei uns Zwischenfälle, aber keine Unfälle", sagt Mr. Universum. Zum Abschied dürfen die Kinder zu ihm kommen für ein Erinnerungsfoto. Väterlich – "Na, bereit für die Reise zum Mars?" – klopft er auf bebende Schultern. Für die Kleinen ist das wie ein Ritterschlag. "Denkt daran", sagt der Astronaut, der selbst schon über 40 war, als er in den Orbit flog, "es ist nie zu spät für einen Traum." Dann tritt er hinaus in den Regen.

Im Raum fällt das Fieber. War’s nicht schöner als bei jeder Kaffeefahrt? Man brauchte nicht mal was zu kaufen. Bezahlt wurde ja zuvor. Für eine fünfköpfige Familie macht die 30-minütige Audienz locker 100 Dollar. Wofür man eine ziemlich kuschelige Sofadecke kriegt: ein Nichts gegen die Aura des Astronauten. Bewegt steigen die Leute in die Busse zu den Attraktionen. Kaum sind sie weg, kehrt Jean-Loup zurück. Der Rest vom Buffet gehört ihm allein. Seelenruhig schöpft sich der Astronaut auf. Alt werden? Aber bitte mit Haltung. So wie die pensionierten Raumpiloten in Clint Eastwoods Space Cowboys. "Ein guter Film", sagt Jean-Loup, der nicht mehr in die Luft geht: ein Nackenproblem. Dafür hat der Weltraumheld noch Biss. Und einen starken Magen. Herzhaft schlägt er die Zähne ins letzte Hühnerbein. "Ja", sagt Annemieke, "wir arbeiten mit Veteranen." Die sind mit allen Wassern gewaschen.

InformationKennedy Space Center:
Dine with an astronaut findet täglich um 12.30 Uhr statt. Für die Besichtigung des Kennedy Space Center sollte man einen vollen Tag einplanen. Erwachsene zahlen 29,95 Dollar für das Essen und Kinder von drei bis elf Jahren 19,95 Dollar. Tickets gibt es an der Kasse oder im Internet unter www.kennedyspacecenter.com . Weitere Infos unter www.ksc.nasa.govAnreise:
Von Orlando fährt man etwa eine, von Miami mindestens vier Stunden Unterkunft:
The Inn at Cocoa Beach ist ein originell geführtes Bed-&-Breakfast-Haus direkt am Meer mit individuell eingerichteten Zimmern, Pool und deutschem Management. Regelmäßig übernachten hier auch Nasa- Astronauten. Mit ein wenig Glück kann man mit Raumfahrern frühstücken. Die Gäste kochen sich ihr Ei selbst. Dazu gibt es vorzüglichen Obstsalat, Muffins und hausgemachten Bananenkuchen (DZ ab 135 Dollar). 4300 Ocean Beach Blvd., Cocoa Beach, FL 32931, Tel. 001-321/7993460 Literatur: "The last man on the moon" heißen die Erinnerungen von Apollo-17-Commander Gene Cernan. Es war der einzige Nachtstart im Apollo-Programm Film: Im Imax-Theater läuft täglich "Apollo 13" mit Tom Hanks. Die Sciene-Fiction-Comedy "Space Cowboys" von und mit Clint Eastwood gibt es gelegentlich in deutschen Programmkinos