Mit dem Zug dauert die Fahrt von Hannover nach Berlin 100 Minuten. Auch mit Kind. Doch manchmal, man kennt das, sind die lieben Kleinen ungehalten, sie laufen rot an, strampeln, weinen – und fangen an zu brüllen. Dann kann die Fahrt von Hannover nach Berlin schon mal fünfeinhalb Stunden dauern – gefühlte Reisezeit. Gott sei Dank, dachte manch Reisender, im Kinderabteil der Deutschen Bahn kann das Kleine krabbeln, so viel es will, es gibt Spielzeug und Klettergerüste, und, wer weiß, vielleicht schreit das Kind, derart beschäftigt, ja überhaupt nicht.

Die Kinderabteile wird es bald nicht mehr geben. Die Deutsche Bahn macht sie dicht. In den ICE3-Zügen verschwanden sie schon gemeinsam mit den Bordrestaurants zum Fahrplanwechsel im Dezember. Jetzt werden auch aus den älteren ICE2- und ICET-Zügen mit Neigetechnik alle Spielsachen ausgeräumt.

Dabei lautete vor gar nicht allzu langer Zeit ein DB-Slogan: "Die Bahn kommt. Auch für Familien". Geworben wurde mit dem, was jetzt abgeschafft wird: Wickeltisch, Kleinkindabteil mit Kinderwagenplatz, Teppichboden und Krabbelecke. Inzwischen ist der Zug für Kinder abgefahren. "Geschäftsreisende haben sich gestört an der eindeutigen Zuschreibung des Abteils für Kinder", sagt Claudia Wachowitz, Sprecherin für den Personenverkehr der Bahn.

Die Kinderabteile werden nun zu Multifunktionsabteilen umgerüstet. Das heißt, in diesem Abteil sitzen neben Familien andere Menschen. Womöglich sogar kinderlose. Früher konnten Eltern Lärmempfindlichen entgegnen: "Entschuldigen Sie, dies ist das Kinderabteil. Hier darf das Kind schreien." Vielleicht müssen Eltern nun bald hören: "Können Sie mit dem Schreihals nicht besser Auto fahren?", oder: "Ihr Kind hat gerade Malzbier auf meinen Flatscreen gespuckt."

Wenn der Kinderwagen keinen Platz mehr hat und die Krabbelecke verschwunden ist, wohin dann mit einem Baby, das noch nicht sitzen kann, aber auch nicht von München nach Köln auf dem Schoß bleiben will? Bahnsprecher Norbert Giersdorff empfiehlt, einen Sitzplatz zu reservieren oder das Kind im Kinderwagen unterzubringen. Im Übrigen brauchten die Kleinen gar nicht unbedingt ein eigenes Abteil, denn man wisse "aus Erfahrung, dass Kinder gern mit ihrer Bezugsperson auf Entdeckungsreise durch den Zug gehen", sagt Bahnsprecher Giersdorff. Klingt gut. Aber auf langen Fahrten ständig mit gelangweilten Kindern auf und ab laufen?

Ohnehin verbarg sich hinter der Bezeichnung Kinderabteil oft nur ein ganz normales Abteil mit sechs Sitzplätzen. Ausgebucht waren diese Abteile trotzdem oft. Kein Wunder, wo häufig nur sechs Kinder vorgesehen sind bei mehr als 1000 Reisenden.

Die Bahn wirbt zwar mit familienfreundlichen Preisen und setzt das Alter der Kinder, die kostenlos mitfahren können, auf 14 Jahre herauf. Doch wer Kinder hat, weiß, dass die neuen, starren Reservierungsmodalitäten im Kern familienfeindlich sind. Wo Kinder sind, da sind auch Unwägbarkeiten. Schnell ist ein Kind mal krank und reiseunfähig. Doch bei der Bahn verschwendet man keinen Gedanken an eine Fahrpreisrückerstattung bei Mittelohrentzündung. Selbst bei einem ärztlichen Attest macht die Bahn für Kinder keine Ausnahme: Stornogebüren von 15 Euro je Ticket werden fällig. Reservierungen verfallen.