So viel Historienschinken gab es selten. Julius Cäsar, Johanna von Orleans und dann der Vierteiler Napoleon. Doch warum fliehen die TV-Produzenten ins Gestern, statt sich dem Hier und Heute auszusetzen? Weil es in der Gegenwart zu ungemütlich ist? Dem steht entgegen, dass solche Fluchten immer scheitern, denn mit historischen Filmen verhält es sich wie mit Romanen: Sie erzählen immer sehr viel mehr über die Zeit, in der sie entstehen, als über die, in die sie sehnsüchtig zurücktauchen. So muss man auch das Angebot an Sandalen- und Dreispitzfilmen, das uns derzeit zerstreuen soll, interpretieren. Sie sind ein Zeitkommentar im Kostüm, ein Kommentar zum Jahr 2003 - und nicht zu den Jahren 52 oder 1430, nicht zu 1795 oder zu 1815.

Die Fernsehsender wollten das neue Jahr fröhlich begrüßen, und so fiel ihnen zu Cäsar und Napoleon "Europa" ein. Die Idee ist alt, sie trug Toga und Uniform, und sie war immer mit dem Anspruch auf Hegemonie verknüpft. So wie Cäsar sein Reich unter Roms Vorherrschaft einen wollte, schmiedete Napoleon Europa unter seiner Kaiserkrone zusammen. Das Medium all dieser imperialen Bestrebungen war die Gewalt, waren Kriegszüge, die so maßlos hohe Opfer forderten, dass der Widerstand von den Rändern her schließlich zum Zerfall der Großreiche führte.

Unsere Hoffnung heute lautet: Wir schaffen es friedlich. Wir bilden Europa mit dem Euro statt mit der Kanone. Die Gewalt ist Geschichte. Am ZDF-Vierteiler Napoleon lässt sich diese These gut begründen. Der Film, mit enormem Etat (40 Millionen Euro) als internationale Koproduktion realisiert, featuring Stars aus aller Welt, entwarf ein prachtvolles filmisches Gemälde, in dem sich nicht nur Liebesnacht und Krönung, sondern auch Manöver und Schlachten wie kostbare alte Gobelins über die Leinwand schoben. Mittendrin in dem Gewimmel stand der Mensch Napoleon: kein Despot und Blutsäufer, vielmehr ein Weltmann, elegant und gewitzt, mit einem Lächeln, so verbindlich, weise und spitzbübisch, dass man ihm die Regierung von ganz Europa unbedingt ans Herz legen möchte.

Die Besetzung der Titelrolle mit Christian Clavier war der Coup bei der Umsetzung des Stoffes. Der Mann war vor allem eines: furchtbar nett. Dabei durchaus majestätisch. Doch bis auf die Knochen zivil, ein Grandseigneur des Salons, des diplomatischen Parketts und des Boudoirs, den fleischlichen Genüssen durchaus zugetan und in steter Sorge um seine Soldaten - eben ein Napoleon zum Liebhaben. Dass der wirkliche Bonaparte, wenn nicht alle Historiker vor Max Gallo, an dessen Biografie der Film sich anlehnt, geirrt haben, ganz anders war, nämlich ein Krieger und Machtmensch, ein humorfreier Polterer und höchst ungeschickt bei den Damen, zum Jasagen bereit einzig und allein bei seiner Mutter, kurz: ein genialer General, der die im Rinnstein gelandete Krone aufhob - all das interessierte diesen Vierteiler nicht. Es musste ihn auch nicht interessieren, denn seine Botschaft lautete: Wir schaffen Europa, und wir schaffen es friedlich. Napoleon hätte es auf seine Art auch fast hingekriegt, er als Person jedenfalls hätte es so gewollt, aber leider waren die Zeiten nicht danach.

War der Film wegen dieser Idealisierung seiner Hauptfigur verlogen? Im Sinne der historischen Wahrheit schon. Gemäß den Ansprüchen, die an einen Fernsehmehrteiler zu stellen sind, aber eher nicht. Wahrheit ist im historischen Film etwas anderes als in den Archiven, zumal Napoleon kaum ein militärisches Treffen, kaum eine diplomatische Verwicklung und keine Liebschaft des Franzosenkaisers ausgelassen hat.

Das Publikum bekam alle Fakten geboten, doch das Licht, in das sie getaucht waren, lag damals nicht über der Szenerie. Es entstammt unseren heutigen Hoffnungen auf ein besseres Europa. Und dass es vorhanden ist, dass es im Fernsehvierteiler nicht nur aus den Scheinwerfern, sondern auch aus dem Geist des Unternehmens strahlte, das mag auf eine Illusion zurückgehen, vielleicht aber auch auf berechtigte Zuversicht. Auf jeden Fall hat es wohl dazu beigetragen, die Zuschauer in den Bann zu schlagen, waren doch die Leistungen der Stars so bemerkenswert nun auch wieder nicht.

Isabella Rosselini war für die schillernde Figur der Josephine viel zu mütterlich