Man kennt sie aus dem Zirkus, die Mädchen, die hoch oben auf dem Seil in den Spagat gehen, oder die Trapezkünstler mit ihrem Salto mortale, bei dem das Publikum den Atem anhält. Die Scheinwerfer gehen an, Musik ertönt, und dann fliegen sie herein in ihren glitzernden Kostümen, Boten einer Welt, in der nichts unmöglich scheint. Doch so einfach ist es natürlich nicht.

Am trostlosen Rand von Prenzlauer Berg, wo graue Mietskasernen stehen und in verfallenen Häusern leere Fensteröffnungen gähnen, sitzt Gerd Krija in seinem Büro und hüllt sich in Rauchwolken. "Ich erzähle Ihnen mal einen Artistenwitz", sagt Krija. "Kommt der Vater zum Artistenlehrer und fragt: "Warum lacht der Junge nicht?" Sagt der Artistenlehrer: "Versteh ich auch nicht. Gerade hab ich ihm noch eingeprügelt: Heute wird gelacht!"

Gerd Krija ist der Künstlerische Leiter der staatlichen Artistenschule in Berlin, der einzigen in Deutschland, in der man den Abschluss als "staatlich geprüfter Artist" machen kann. Geprügelt wird in der Schule zwar nicht. Aber, sagt Krija, "ein Körper arbeitet nur vernünftig, wenn er diszipliniert wird". Insbesondere das erste Jahr ist darum für die Artistenschüler hart. Zehn neue Schüler werden jedes Jahr aufgenommen, 30 Prozent von ihnen brechen ab. "Die schreien und sagen, das tut weh. Ich sage dann, natürlich tut das weh, aber macht das noch tausend Mal, dann hört der Schmerz auf."

Fingerbruch beim Flickflack

Diejenigen, die bleiben, absolvieren eine vierjährige Ausbildung, die mit der neunten Klasse beginnt. Nach der zehnten Klasse kommt der Realschulabschluss, die elfte und zwölfte Klasse entsprechen einer Berufsfachschule. Nach der zwölften Klasse legen die Schüler dann die Artistenprüfung ab, für die sie eine eigene Nummer entwickeln, samt dazugehöriger Musik, Requisiten und Kostümen. Mit etwas Glück finden sie danach ein Engagement bei einem Zirkus oder einem Varieté. Erste Auftritte werden ihnen schon während der Schulzeit vermittelt.

Aber kein Mensch sei fertiger Artist, wenn er aus der Schule komme, sagt Krija. Wie die meisten Lehrer war er selbst einmal Schüler an der Artistenschule, danach arbeitete er drei Jahre lang beim Staatszirkus der DDR. "Warten Sie mal." Er zieht ein altes Foto aus seiner Aktentasche, auf dem zwei Männer zu sehen sind. Der eine steht richtig herum, mit den Beinen auf dem Boden, der andere macht einen Kopfstand auf dem Kopf des ersten. "Der untere", sagt Krija, "das bin ich."

Heute gibt es keine Beschäftigungsgarantie mehr für Artisten, die Absolventen der Schule müssen sich mit 18 Jahren als freie Künstler behaupten. Leicht ist das nicht: "Du musst an die Türen klopfen, an den Türen kratzen, an die Türen hauen, damit sie dich reinlassen." Dazu kommt, dass die Schüler, die nicht aus Artistenfamilien kommen, und das sind die meisten, oft nicht wissen, auf was sie sich einlassen. Oft sei der Wunsch der Vater des Gedankens.

Besonders ermutigend klingt das nicht gerade, und wenn dann noch die Sekretärin hereinkommt und ein Attest auf den Tisch knallt, fragt man sich wirklich, warum sich Menschen das antun. "Schon wieder eine Fraktur der linken Hand, Mittelfinger", sagt sie. Passiert ist es beim Flickflack.