Meredith ist sturzbesoffen. Heute ist ihr Geburtstag, der 21. Das kann man ihrem T-Shirt entnehmen, auf dem in Filzstiftlettern steht: " 21 and I’m done" . Die Collegestudentin sieht tatsächlich ziemlich fertig aus und muss sich öfter mal hinsetzen, während sie Samstagabend im Corner Stone Grill von College Park ihre sechste Bierflasche leert, umringt von Freunden, die das Gleiche tun und ihr nebenbei Insiderkommentare auf Bauch, Brust und Rücken kritzeln. Sie solle das Fußballteam nicht vergessen und die Autobombe, schreiben sie kichernd. Und Meredith verkündet mit roten Wangen, das Coolste sei, dass sie ab heute keinen gefälschten Ausweis mehr braucht, um zu saufen.

Amerikas Colleges haben ein Problem mit Alkohol. Eine Harvard-Studie stuft 44 Prozent der rund 12 Millionen undergraduates als exzessive Konsumenten ein, was bedeutet, dass sie alle zwei Wochen mindestens einmal fünf oder mehr Drinks in Folge zu sich nehmen. Jedes Jahr, so schätzt das National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (NIAAA), kommen 1400 alkoholisierte Studenten ums Leben: 1100 verunglücken mit dem Auto, 300 weitere fallen aus dem Fenster, ertrinken oder wachen nach durchzechter Nacht nicht mehr auf. 500000 Studenten landen im Krankenhaus, und 70000 Studentinnen fallen einer Vergewaltigung oder sexueller Belästigung zum Opfer, die mit übermäßigem Alkoholzuspruch zusammenhängen.

Gründe für die Alkoholexzesse nennen Experten viele: die laxe Erziehung zum Beispiel. Oder den Lernstress. Oder den gleichgültigen Umgang der Colleges mit dem Problem. Vielleicht wird Trinken auch dadurch interessanter, dass es bis 21 illegal ist. All das aber reicht kaum als Erklärung, und so bleibt es bei der Feststellung eines neuen Trends. "Studenten haben immer getrunken", sagt Mark Goldman, Professor für Psychologie und Leiter einer NIAAA-Kommission zum Alkoholismus an Universitäten. "Der Unterschied ist, dass sie sich heute bewusst in den Vollrausch trinken."

Meredith studiert an der Universität von Maryland in College Park, nördlich von Washington. Die Nähe zur Hauptstadt aber macht College Park nicht interessanter. Trotz 44000 Studenten ist der Ort ein Straßendorf, das sich an der Baltimore Avenue entlangzieht: Fast-Food-Restaurants, Kettenhotels und Tankstellen, gerade mal drei Bars. Dafür gibt es vier Liquor-Stores. Vor Langeweile versuchen die Studenten denn auch so einiges, um an ihr Bier zu kommen. Der bullige Türsteher vom Corner Stone erzählt, dass er im Schnitt jeden vierten Gast mit falschen Dokumenten erwische, die ihn als über 21 auswiesen. Der Manager der Town Hall, eines der Liquor-Stores, konfisziert fünf bis sechs Führerscheine pro Nacht und schließt sie in seinen Safe ein. Wobei nur die Amateurfälschungen auffallen. Deshalb zahlen viele unter 21-Jährige für eine geschickte Nachbildung des Führerscheins, der in den USA als Ausweis dient, 100 Dollar und mehr.

Mit seinen Problemen ist College Park nicht allein. An der Universität von Colorado in Boulder etwa gibt es einen Skandal um das Footballteam, auf dessen Partys mindestens zwei Frauen vergewaltigt worden sein sollen. Die Syracuse University ist in den Schlagzeilen, weil hier doppelt so viele Frauen wie Männer mit Alkoholvergiftung eingeliefert werden – ein bis zwei pro Wochenende. Doch in einem ist College Park anders: Die Universität hat "wenig Glück gehabt in den letzten Monaten", wie es ihr Sprecher ausdrückt. Drei Studenten sind bei Zwischenfällen gestorben, die dem Alkoholmissbrauch zuzuordnen waren.

21 Glas Whiskey zum Geburtstag

Zuerst nahm ein 20-Jähriger im September 2001 eine Überdosis der Partydroge GHB (Gamma Hydrixybutyrate), die in Verbindung mit Alkohol tödlich sein kann. Am nächsten Morgen fanden ihn Freunde in sich zusammengesunken in einem Schaukelstuhl auf der Veranda der Studentenverbindung, in der er gewohnt hatte. Anfang 2002 dann verlor der 19-jährige Daniel Reardon das Bewusstsein, nachdem er sich anlässlich seiner Aufnahme in eine Studentenverbindung fünf Promille angetrunken hatte. Es vergingen Stunden, bis Gäste den Notarzt riefen. Eine Woche später entschieden seine Eltern, die lebenserhaltenden Geräte abzuschalten. Im November schließlich wurde ein 20Jähriger auf offener Straße erstochen, offenbar von einem anderen Studenten, der aus einer Party geworfen worden war.

Bei zwei der drei Todesfälle von College Park waren Studentenverbindungen, die so genannten fraternities, im Spiel. Das ist kein Zufall, glaubt man Journalist Hank Nuwer. Er zählte im vergangenen Jahr 38 Todesfälle, die mit dem Tod Reardons vergleichbar sind: "Einige fraternities sind abhängig machende Organisationen. Sie drehen sich um Alkohol und existieren nur, um Partys zu schmeißen. Gleichzeitig sind sie der Mittelpunkt des Lebens auf dem Campus." Die Harvard-Studie gibt den Anteil exzessiver Alkoholkonsumenten in fraternities mit 75 Prozent an. College Park hat deshalb, wie andere Hochschulen zuvor, den Druck auf die fraternities erhöht: Nach Daniel Reardons Tod flog seine Studentenverbindung aus der prestigereichen Fraternity Row, einer Straße, gesäumt mit imposanten Verbindungshäusern im Kolonialstil; alle übrigen Verbindungen, 23 an der Zahl, dürfen Partys nur noch nach Anmeldung veranstalten und müssen eine Gästeliste einreichen. Die Polizei hat zudem Kameras an der Fraternity Row installiert.