Wie ich mir 1966 meine neue Klassenlehrerin vorgestellt hatte, weiß ich nicht mehr genau. Aber so, wie sie mir gegenübertrat, sollte sie auf keinen Fall sein: Die Frau war blass, gepudert und geschminkt und trug ihr rötlich-braunes Haar zu einem Ungetüm von Dutt hochgesteckt. Für eine Neunjährige mit dem Hang zur Leichtathletik war sie entschieden verkehrt. Das Gerücht, dass sie weder schwimmen noch Rad fahren könne, verstärkte die Abneigung. Wie sollte man mit so einer auf Klassenfahrt gehen?

Doch die mit so viel Misstrauen bedachte Lehrerin Renate Berger entpuppte sich bald als Glücksfall. Zwar führte sie uns auf einer Klassenfahrt nicht zum Schwimmen, dafür aber ins Atelier des Malers Otto Niemeyer-Holstein auf der Ostseeinsel Usedom. Sie liebte die Malerei. Gustave Courbets Gemälde Die Steineklopfer ist mir noch aus der vierten Klasse in Erinnerung. Sie ließ uns Bilder beschreiben und Brecht-Texte lesen und machte einen Unterricht, der mich schnell alle Vorurteile vergessen ließ.

Frau Berger unterrichtete unsere Klasse in Deutsch und von der 5. Klasse an auch in Geschichte an der Wilhelm-Pieck-Oberschule Berlin-Pankow. Schwierigkeiten, sich durchzusetzen, hatte sie kaum. Das lag wohl auch daran, dass wir eine so genannte Russisch-Klasse waren. In die kamen nur die Besten aus den 2. Klassen, die von der 3., statt üblicherweise von der 5. Klasse an Russisch lernen konnten. Solche so genannte R-Zweige gab es nur an wenigen Schulen.

Frau Berger brachte uns die deutsche Sprache und ihre Literatur auf sehr sinnliche Weise nahe. Heines Deutschland – ein Wintermärchen gehört seit ihrem Vortrag zu meinen Lieblingsbüchern. "…bis daß die Schoten platzen, den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen…"

Klar gab es damals auch Diktate über Parteitage der SED. Beim Durchblättern eines zufällig im Keller entdeckten Schulheftes fand ich neulich eines – eingeprägt hatte sich mir dieser Text nicht. Aus heutiger Sicht liest sich zudem dessen letzter Satz doppelsinnig: "Du wirst staunen, wieviel sich ändern wird!" Nun ja, das kam dann erst zwei Jahrzehnte später.

Wenn Frau Berger uns ein neues Werk und dessen Autor nahe bringen wollte, dann wanderte sie zwischen den Stuhlreihen auf und ab. Sie war von beiden überzeugt und wohl auch deshalb überzeugend. Nur einmal hat sie sich in ihrer Klasse geirrt. Wir müssen damals so 13, 14 Jahre alt gewesen sein, jedenfalls schwer in der Pubertät. Da passierte es, dass die Klasse in einen Lachkrampf ausbrach, als "die Berger" uns ausgerechnet Mörikes Er ist’s ans Herz legen wollte. Sie war zuerst ziemlich irritiert, lachte dann aber mit. Mörike war eben an diesem Tag verkehrt.

Fontane passte besser. Das lag übrigens nicht an Effi Briest, auch nicht an den Wanderungen . Die kamen erst später. Meine Begeisterung hatte ihre Ursache in einem Gedicht, dessen dramatisches Geschehen durch die Bergersche Manier, vorzutragen, noch verstärkt wurde: John Maynard! "Wer ist John Maynard?" / John Maynard war unser Steuermann / Aus hielt er, bis er das Ufer gewann, / Er hat uns gerettet, er trägt die Kron, / Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn…"

Solche Gedichte haben sich eingeprägt. Auch durch das Lob, dass die Lehrerin großzügig verteilte, wenn wir uns Mühe gaben. Das tat uns gut und ihr wohl auch. Fingen wir aber zu schlampen an, orthografisch, grammatikalisch oder gar sprachlich, dann überzog sie die Ränder unserer Aufsätze mit ihren Korrekturzeichen, die sie mit zunehmendem Druck auf den Stift ins Papier prägte. Bei meinem Hang zum frei fliegenden Umgang mit Zeitformen, den ich für Sprachkunst hielt, kam ich schnell mal auf ein Dutzend empörte "Z" am Rand – und hatte die Bodenhaftung zurück.