Natürlich genügte schon das erste Buch Mose, um für ein Leben genug Lektüre zu haben. 60 eng bedruckte Seiten, zum Schwindligwerden, Brudermord, Flutkatastrophe, Verwüstung, Versprechen, Verrat. Aber der Rest der Heiligen Schrift liest sich, wenn man mal angefangen hat, fast wie von selbst, was gewiss auch daran liegt, dass der Mensch trotz aller Katastrophen und Grausamkeiten in fast keinem anderen Buch so gut wegkommt wie in diesem, das die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt. Wäre dies, etwa so formuliert, ein passabler Werbetext für das Buch der Bücher in einer säkularisierten Gesellschaft?

Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers, das sind etwa 1200 Seiten, die für sich selbst sprechen sollten - wenn dieses Buch nicht zwischen alle Stühle der weltanschaulich pluralen Gesellschaft zu fallen drohte, die ohnehin nicht gern liest. Aber während sich für Ovids Metamorphosen oder die Ilias, für Lukrez' De rerum natura oder für die altfranzösischen Epen immer noch weltliche Lobbys finden, die den Lesern sagen, dass sie ohne solche Lektüre ärmer durchs Leben gingen, stehen die Fürsprecher der Bibel unter Ideologieverdacht. Nicht zu Unrecht.

Denn wer wollte behaupten, die Bibel sei einfach nur unersetzliches Bildungsgut? Das ist sie auch, aber man sollte es mit der kultivierten Retusche nicht übertreiben. Der Protagonist dieses Buches ist immerhin Gott.

Der eine, der einzige. Der handelt, der sich offenbart, der Erlösung verspricht und höchstens begrenzt diskursfähig ist.

Tatsächlich haben nun nicht die literaturwissenschaftlichen Verbände, sondern die christlichen Kirchen und Vereine das "Jahr der Bibel" ausgerufen, das in Deutschland, der Schweiz, in Österreich und Frankreich gleichzeitig gefeiert wird. Allein in Deutschland darf die Sache rund 2,2 Millionen Euro kosten und wird ein Event ohne Ende: mit Fernsehbeauftragter, Newsletter und Prominenten-Befragung, mit unzähligen Haupt- und Nebenveranstaltungen, mit Bibel-Parcours, Online-Shop, 121 000 Links im Netz und einer Sonderbriefmarke, für die das Bundesfinanzministerium auf seiner Website empfehlende Worte fand: "Das Jahr der Bibel 2003 soll das Bewußtsein für dieses großartige Buch stärken und dazu beitragen, die religöse und kulturelle S trahlkraft des ,Buches der Bücher' zu entdecken." Das ist wenigstens mal ein unerwarteter Fürsprecher.

Aber selbst wenn einem in den Werbetexten für das Bibeljahr das aufdringlich repetierte "christlich" auf die Nerven geht (während von der jüdischen Heiligen Schrift fast gar nichts da steht, als hätte jener Gott nicht mit Moses den Bund geschlossen)

und selbst wenn man das Finanzministerium in die Sache nicht involviert wissen möchte und auch nicht immer die Bibelleser Bertolt Brecht, Sigmund Freud, Thomas Mann, Heinrich Heine zum Kulturverträglichkeitsnachweis herangezerrt sehen will: Es stimmt ja - die Bibel braucht Leser. Und die Leser brauchen die Bibel.