Doris ihrem Mann seine Lieblingszeitung erfindet in diesen Wochen den Journalismus neu: Alles sagen, ohne was zu verraten, jeden Tag atemberaubende Andeutungsakrobatik auf Seite 1, ganz viel Butter, aber ohne Fisch. Und den ordentlich stinken lassen. Die Bild-Zeitung hat sich mit der ihr eigenen Inbrunst einer angeblichen Liebesaffäre Gerhard Schröders mit einer TV-Moderatorin angenommen und sich in den Schmutz geradezu versenkt. Nicht in den Schlamm von angeblichem Ehebruch und anderen Heimlichkeiten, sondern in die Abfälle der Gerüchteküche.

Ein englisches Revolverblatt, das die Angelegenheit in die Welt setzte und nun als Schänder des Privat-Tabus dasteht, hat Bild die Zunge gelöst. Es fühlt sich so gut an, einmal nicht Schwein zu sein, sondern sich die Schnitzel abschneiden zu dürfen. Beinahe täglich gibt es nun Neuigkeiten aus dem schwarzen hannoverschen Loch, wo die Wahrheit verschwand und sich Heuchelei und Fantasie zur boulevardesken Energie vermischte. Wie muss sich die Ehefrau bloß fühlen? Was tut Schröder, um seine Ehre wiederherzustellen?

Und über all dem geschriebenen Schmutz schwebt die Generalfrage: Halten die das durch? Die Antwort darauf muss Bild gar nicht mitliefern, der Leser weiß schon Bescheid, denn über Schröders Moral hat ihm sein Blatt längst alles verraten: Sie sei nicht besser als seine. Deswegen ist der Kanzler ja auf seine Weise auch dann noch populär, wenn alle ihn schlimm finden. In Bild jedenfalls kann Gerhard Schröder nicht dem Hass anheim gegeben werden, Bild kann nur anregen, dass der Leser den Dauerärger über sich selbst auf dem Politiker ablädt. Dazu bedarf es keiner Skandale. Das Gerücht ist das Faktum, es wiegt schwerer als jede enthüllte Wahrheit. Um das wirksam werden zu lassen, erneuert Bild den Kampagnenjournalismus. Er verwandelt sich in eine 0190-Nummer, er zwingt den Leser dazu, sich Tag für Tag lüsternes Gequatsche ums Eigentliche anzuhören, ähnlich, wie er es vom Erotik-Telefon kennt. Da fehlt auch irgendwas, trotzdem kann man's nicht lassen.

Doch wie Schröder sich in den Mechanismen der Medien verheddert, das kann auch nicht immer bloß auf die Machenschaften des Springer-Verlages zurückgeführt werden. Es hat in Wirklichkeit viel mit jener Art Wirtschaft zu tun, die die Medienindustrie charakterisiert. Medien schöpfen nämlich im großen Maßstab einen ganz besonderen Wert - nicht Geld, das wäre im Moment übertrieben zu behaupten, sondern öffentliche Beachtung. Aufmerksamkeit ist der neue Stoff, aus dem die Wirklichkeit besteht. Die Bild-Zeitung arbeitet, so gesehen, auch wie ein Investmenthaus.

Sie schießt einem Politiker wie Schröder öffentliche Aufmerksamkeit vor. Der nutzt den Kredit, um groß und mächtig zu werden, und am Ende zahlt er alles samt Zinsen zurück, sobald nämlich die Zeitung von seinem Bekanntheitsgrad profitiert. Wie so etwas in Reinform abläuft, kann man gerade an Bertelsmanns Großinvestition zur Mobilisierung der TV-Massen beobachten, an Deutschland sucht den Superstar (siehe auch "Leben", Seite 45). Wer den Willen zum VIP hat, kriegt einen Riesenauftritt bei RTL, muss als Star aber später exklusiv für Bertelsmann singen. Das ist wenigstens ehrlich, und die Verwertungskette zieht sich direkt durchs Portemonnaie: Jeder Anrufer, der für Vanessa votiert, lässt schon die Kasse klingeln.

Noch etwas über den Medienkapitalismus: Die aufwändig hergestellte "Öffentlichkeit" ist immer nur Rohstoff, ein gewaltiger Berg von etwas Zweideutigem, der erst beziffert und verwandelt werden muss - bei Superstars in Grammys und Bambis, beim Fernsehen in Einschaltquoten und Marktanteile, bei Zeitungen in Auflagenhöhe und Anzeigenpreise.

Für Politiker liegt der Fall aber komplizierter. Gerhard Schröder ist ja nicht Daniel Küblböck. Nur mit einem gewinnenden omnisexuellen Lächeln gewinnt man keine Wahlen. Will sagen, der Politiker, der das Rohmaterial der öffentlichen Beachtung in "seine" Währung ummünzen will, also in Zustimmungswerte und Wählerstimmen, arbeitet hart dafür. Dass er die "richtige" Aufmerksamkeit erzeugt, ist vielleicht seine eigentliche Leistung, daran hängt sein gesamter politischer Apparat. Und nun zurück zur Bild-Zeitung: Wie Bild derzeit streng außermoralisch über Wahrheit und Lüge dieser nicht existenten Kanzler-Affäre berichtet - und sich selbst dabei auch noch jeden Tag einen Persilschein in Sachen journalistischer Ethik ausstellt -, hat vor allem einen Effekt: vorzuführen, dass Schröder die Verwandlung von Medienpräsenz in Zustimmung nicht mehr hinbekommt.