Bis zu zwei Milliarden Bildröhren sind weltweit in Fernsehern und Computern im Einsatz. Und alle werden irgendwann im Abfall landen. Zwar bestehen Bildröhren aus Glas, im Altglas-Container haben sie trotzdem nichts zu suchen. Denn die Mattscheiben sind mit Cadmium und anderen giftigen Chemikalien beschichtet, und der hintere, im Gehäuse verborgene Teil, das so genannte Trichterglas, enthält zur Abschirmung elektromagnetischer Strahlung bis zu 24 Prozent Bleioxid. Ein Teil davon ist angeblich bereits in den normalen Altglas-Kreislauf eingesickert, selbst Getränkeflaschen sollen deswegen inzwischen schon einen geringen Bleianteil enthalten.

Auf grob geschätzte zwei Millionen Tonnen summiert sich die Menge des weltweit in Bildröhren gebundenen giftigen Schwermetalls. Ein Teil davon könnte im Trinkwasser landen. Denn sobald die Splitter des bleihaltigen Glases über längere Zeit mit saurem Regen in Berührung kommen, wird Blei herausgelöst. Die bisher übliche Praxis, solches Glas als Untergrund im Straßenbau zu verwenden, könne diesen Prozess nur verzögern, langfristig aber nicht verhindern, warnen Umweltschützer. Wie auch immer, die Umwelt hätte einen doppelten Nutzen, würde das Glas der alten Bildröhren nicht weggeworfen, sondern als Rohstoff für die Produktion neuer Bildschirme eingesetzt: Allein auf europäischen Deponien landeten pro Jahr 50 000 Tonnen Blei weniger, und diese Bleimenge müsste nicht mehr im Bergbau gefördert werden. Nebenbei fielen 1,2 Millionen Tonnen bleihaltiger Abraum gar nicht erst an.

So naheliegend diese Lösung des Problems erscheint, so kompliziert ist ihre technische Umsetzung. Die Schott Glaswerke in Mainz haben jetzt als erstes europäisches Unternehmen ein Verfahren entwickelt, mit dem sie in den nächsten drei Jahren den Recycling-Anteil in ihrer Bildröhren-Produktion auf bis zu 50 Prozent steigern wollen. "Als wir unser erstes Konzept vor fünf Jahren vorstellten, haben uns auch hier im Werk viele für verrückt erklärt", sagt Eckart Döring, der Vater des Bildröhren-Recyclings bei Schott.

Bildröhren bestehen nämlich aus zwei völlig verschiedenen Glassorten. Während das Trichterglas stark bleihaltig ist, darf der vordere Teil der Bildröhre auf keinen Fall mit dem Schwermetall verunreinigt sein. Denn die Mattscheibe besteht aus optischem Glas mit einer sehr genau definierten Durchlässigkeit und Eigenfarbe. Schon bei einer Abweichung von einem Prozent wird es unbrauchbar. Deshalb müssen die Altbildschirme unversehrt bei einem Recycling-Unternehmen ankommen. Dort werden sie mit glühenden Drähten oder Laserlicht sauber in zwei Teile getrennt. Dann werden alle Beschichtungen abgesaugt, und erst danach wird das Glas für den Transport nach Mainz zerkleinert. Im Schott-Rohstofflager sind die angelieferten Trichter-Scherben ebenfalls durch eine Betonwand von den Schirmglas-Scherben getrennt.

Trotzdem finden sich auch zwischen den sauberen Glasstücken noch allerhand Fremdstoffe. Plastik, Gummi, Silikon und Metallteile werden mit Sieben und Magneten aussortiert. Bevor die Scherben dann in die Schmelze kommen, erfolgt eine exakte Bestimmung ihrer chemischen Zusammensetzung. Denn sind sie erst einmal eingeschmolzen, lässt sich der Produktionsprozess nicht mehr stoppen, bis die fertigen Bildröhrenteile vom Förderband laufen. "Geht beim Mischen etwas schief, wandert im schlimmsten Fall die komplette Produktion von drei Tagen gleich wieder ins Altglas", sagt Eckart Döring.

Nur mit einer hohen und möglichst gleichmäßigen Qualität der angelieferten Scherben kann das Bildschirm-Recycling funktionieren. 80 Prozent des bisher eingesetzten Altglases kommen deshalb aus dem Ausland, vor allem aus Skandinavien und den Niederlanden. "Die deutsche Recycler-Branche ist in viel zu viele Kleinstbetriebe zerstückelt", klagt Dörings Kollegin Sybille Huth, "und es fehlt ein funktionierendes Rücknahmesystem für ausgediente Fernseher."

Trotzdem enthält jeder neue Bildschirm, der die Mainzer Glasschmelze verlässt, inzwischen schon fast zehn Prozent Recycling-Material. Und nachdem die Anfangsinvestitionen getätigt seien, lohne sich die Sache für den größten europäischen Bildröhrenproduzenten sogar finanziell. "Blei ist teuer", sagt Ingenieur Döring, "je weniger wir davon einkaufen müssen, desto besser." Wo allerdings das bleihaltige Trichterglas landen soll, wenn in zehn bis zwanzig Jahren alle neuen Computer und Fernseher mit Flachbildschirmen ausgestattet sein werden, weiß auch Döring noch nicht. "Da besteht dringender Forschungsbedarf."