Als die Sammlung Flick vor zwei Jahren in Zürich ihr Domizil finden sollte, protestierte die lokale Kulturszene so laut, dass der Deal zwischen dem Sammler und der Stadt am Ende platzte. Jetzt haben Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die sagenumwobene Kollektion klassisch-moderner und zeitgenössischer Kunst an Land gezogen.

Und das Erstaunliche ist: Die erwartete Debatte findet nicht statt. Zwar sprechen die Grünen vom "schmutzigen Geld" der Familie Flick, von den Rüstungsgeschäften unterm Nationalsozialismus und von den Zwangsarbeitern, die der Großvater des Sammlers in seinen Betrieben beschäftigt hatte. Aber der rot-rote Senat verteidigt seinen geheimdiplomatisch eingefädelten Überraschungscoup und genießt seinen ersten kulturpolitischen Erfolg.

Ist in Berlin nun die große Gleichgültigkeit über die NS-Vergangenheit eingezogen? Das wird niemand behaupten, der erlebt hat, wie sich in den letzten Jahren in der Hauptstadt die vergangenheitspolitischen Debatten nur so gejagt haben. War nicht eher die Zürcher Debatte eine kompensatorische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit an einem ziemlich ungeeigneten Objekt? Über einen Erben der deutschen Großindustrie lässt sich leichter debattieren als über die eigenen Verstrickungen. In Berlin jedoch, wo die Vergangenheit ohnehin nicht vergehen will, kommt kaum jemand auf die Idee, an dem nachdenklichen, aufgeschlossenen, gesprächsbereiten Friedrich Christian Flick sein Mütchen zu kühlen.

Die dennoch gelegentlich zu hörende Warnung, hier wolle jemand den Namen seiner Familie "reinwaschen", spricht für ein merkwürdiges Verständnis von Schuld. Historische Verantwortung kann man wohl erben, Schuld aber nicht.

Friedrich Christian Flick bemüht sich, seiner Verantwortung gerecht zu werden. In Potsdam hat er eine Antirassismus-Stiftung gegründet.

Aber das ist nicht der eigentliche Punkt. Nach allem, was man bisher von der "Flick Collection" weiß, ist der Sammler von dem Impuls getrieben, dem Widerständigen, Subversiven und Exzentrischen ein Forum zu geben - von Marcel Duchamp über Bruce Nauman bis zum Neo-Dada der Oehlen und Kippenberger. Wer dies als "Ablasshandel" abtun möchte, verkennt, dass die Modernität der Bundesrepublik sich nicht zuletzt einer Kulturpolitik verdankt, die ganz ähnlich wie der Sammler Flick Wiedergutmachung an der verfemten Moderne leistete. Wo einst die "entartete Kunst" verfolgt worden war, pilgerte man zur Documenta.

Mag Friedrich Christian Flick dies auch aus Taktgefühl gegenüber den Künstlern bestreiten - seine Sammlung ist unverkennbar eine Reaktion auf das profitable Mitmachen des Großvaters Flick. Wenn jemand ein Vermögen aus Rüstungsgeschäften in die kritischste Kunst der Moderne ummünzt, die man für Geld kaufen kann, dann sollte man dies vielleicht als eine Form der Konversion betrachten: Schwerter zu Konzeptkunst, gewissermaßen.