Es gehört zum Ritual des internationalen Literaturbetriebs, dem subtilste Formen der Herablassung nicht fremd sind, darauf hinzuweisen, dass die Schriftstellerin Siri Hustvedt (Die Verzauberung der Lily Dahl) die Frau des inzwischen weltberühmten New Yorker Autors Paul Auster ist. Auch sei sie sehr schön. Das stimmt zwar, doch nach der Lektüre ihres neuen Buchs Was ich liebte drehen wir die Etikettierung einfach einmal um.

Was ich liebte ist ein gebildeter und kunstvoll konstruierter, mithin altmodischer - oder heißt es nicht besser: klassischer? - Künstler-Roman, der vom Gestalten und Sehen erzählt, von den heimlichen Verwandlungen, die uns der Anblick mancher Bilder zufügt, aber auch von der Fremde, die sich langsam, aber unaufhaltsam in Freundschaft und Ehe drängt. Und schließlich erzählt er von Verlassenheit, Erblindung und dem Skandal des Todes. Es ist ein unzeitgemäß ernstes Buch über den Kummer des Lebens. Trost - wenn dieser denn die eigentliche Leistung von Literatur sein sollte - erwächst aus der Gewissheit des Lesers, eine meisterhafte Reflexion über das allmähliche Schwinden von Liebe in den Händen zu halten. Ein kleiner Trost.

Eine Wolke vor den Augen

Dem Buch fehlt alles, was es populär wie die Korrekturen von Jonathan Franzen machen könnte: Zynismus, Satire, brillante Boshaftigkeit - dabei erzählt es doch von New York, dieser zynischen, lachenden, boshaften Hauptstadt der Moderne. Hustvedts Kammerton hingegen ist der von Trauer und Vergangenheit.

Seine zurückhaltend gezeichneten historischen Folien sind das große Verbrechen, der Holocaust und die Schicksale jener Familien, die ihm nach Amerika entkommen konnten.

Der Erzähler des Romans, der sich über zwei Jahrzehnte hinweg erstreckt, ist der Kunsthistoriker Leo Hertzberg, Sohn jüdischer Emigranten aus Berlin. Die Faszination von Goyas Schreckensbildern bindet ihn an den Kontinent seiner Väter. Seine Frau Erica ist Anglistin, beide lehren an New Yorker Universitäten. Sie führen eine erotisch risikolose Ehe, eine Art Gemeinschaftsreferat mit nur einer Fußnote, der Geburt des Sohnes Matthew.

Ihre gemeinsamen Freunde sind der charismatische Künstler Bill Wechsler und dessen gefühlsarme Frau Lucille. Deren zerebrale Ehe stammt offenkundig aus den Kurzgeschichten des New Yorker. Kurz nach der Geburt ihres Sohnes Mark trennt sich das Paar, und an Lucilles Stelle tritt die begehrenswerte Violet, zuvor noch Modell des Malers. Sie und Leo werden am Ende allein in der Stadt zurückbleiben.