Erst ab 60 dürfe man sich mit einer Polaroid auf die Piste wagen, verkündete der legendäre amerikanische Fotograf Walker Evans gern - und wartete noch länger: bis er 70 war! Er, der Meister der Leica, der mit Glasplattenapparaten auf hölzernem Stativ angefangen hatte, vernarrte sich 1973 in das kleine Faltobjekt, nannte es sein Spielzeug - und fühlte sich natürlich herausgefordert, Neues zu entdecken. Zu 2650 Aufnahmen führte dieser Versuch. Seine Studenten erinnern sich, wie er sie vor sich auslegte, als seien sie ein Kartenspiel. Was er sah - erstaunlich! Er war zu seinen alten Themen zurückgekehrt. Häuser, im traditionellen Stil. Die amerikanische Landschaft, Gesichter. Jene Objekte, die am Rande des Lebens zu liegen scheinen und doch so zentral sind: Cherry Pie und Gartenschaufel.

Zeitungsständer in der City, Schilder am Wegerand. Evans, einer der Ersten, der in den dreißiger Jahren auf die Spuren hingewiesen hatte, die jene Zeichen auf unserer seelischen Festplatte hinterlassen, welche uns umwerben und lenken wollen. Eiswaffeln und Straßenschilder, Richtungspfeiler auf dem Asphalt und Leuchtschrift an den

Wänden. Seine Bilder hängen heute im Metropolitan Museum of Art, New York, er selber starb 1975.

Walker Evans: Polaroids

Hrsg. Jeff L. Rosenheim

Scalo Verlag, Zürich 2002

123 Abb., 184 S., 39,80 e