In der ersten ZEIT- Ausgabe des Jahres 1963 findet sich eine Sammlung von Anekdoten über den französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle. Eine davon geht so:

Der General und sein Außenminister Couve de Murville unterhalten sich über den bevorstehenden Frankreich-Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Couve: "Im Grunde genommen hat Adenauer wenig Trümpfe in der Hand. Gewiß, er steht an der Spitze eines großen und prosperierenden Landes. Aber Deutschland ist geteilt. Es hat keine Grenzen mehr. Und dann Berlin! Adenauer hat noch nicht einmal eine Hauptstadt. Was bleibt ihm also?"

De Gaulle: "Paris!"

Nun war der Bundeskanzler da. Am Sonntagabend, dem 20. Januar 1963, traf er mit großem Gefolge auf dem Flughafen Orly ein. Es war sein achtzehnter Paris-Besuch. Er hielt ihn für den wichtigsten seiner vierzehnjährigen Regierungszeit: Die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland sollte nach Jahrhunderten der Streitigkeiten und Kriege vertraglich besiegelt werden. Zugleich wusste der greise Kanzler, dass er einen schweren Gang ging.

Der Versöhnungsakt der beiden Nationen fiel in eine Zeit, da de Gaulle stärker denn je an den Pfeilern rüttelte, auf denen die Außenpolitik der jungen Bundesrepublik ruhte: dem engen Schulterschluss mit den USA und dem europäischen Einigungswerk. Was in Paris der Überwindung der Vergangenheit dienen sollte, konnte sich unter diesen Umständen leicht zu einer Belastung, ja: Behinderung der europäischen und atlantischen Zukunft auswachsen. Zu Hause in Bonn war Adenauer deswegen selbst in der eigenen Partei gehörig unter Druck geraten. Der sozialdemokratische Oppositionsführer Erich Ollenhauer hatte ihn sogar bedrängt, die Reise ganz abzublasen.

Es war nicht ohne Symbolik, dass Glatteis die Landebahn bedeckte, als Adenauers Maschine landete. Glatteis behinderte auch die Fahrt der Kanzler-Kavalkade ins Hotel Bristol, wenige hundert Schritte vom Elysée-Palast.