Im Ernstfall ist für Diskussionen über die geltende Verfassungslage keine Zeit. Der Alarm kommt per Hupe, zehn Minuten später müssen die Abfangjäger des Quick Reaction Alert (QRA) in der Luft sein - um notfalls auch ein ziviles Flugzeug abzuschießen, das Terroristen zu einer Lenkwaffe umfunktioniert haben. Die Bundeswehr hält ständig zwei so genannte Alarmrotten in Bereitschaft. In Neuburg an der Donau und in Wittmund bei Jever warten je zwei startklare F-4F-Phantom-Kampfflugzeuge auf den Einsatzbefehl.

Wer aber darf den Abschuss eines Privat- oder Linienflugzeugs anordnen? Der diensthabende Luftwaffengeneral? Der Innenminister? Der Verteidigungsminister? Der Bundeskanzler selbst? Eine effektive Befehlskette für ein Terrorismus-Szenario gibt es bis heute ebenso wenig wie eine formelle Rechtsgrundlage. Schon seit Monaten haben die Piloten der Jagdgeschwader ein "ungutes Gefühl", sagt ein Luftwaffenmajor. "Die Crews wollen Rechtssicherheit. Wir sind alle keine Rechtsgelehrten. Und jeder, den man fragt, hat eine andere Meinung." Mittlerweile reden die Jagdflieger untereinander über Paragraf 11 des Soldatengesetzes. Er besagt, dass der Befehl verweigert werden darf, falls er gegen die Menschenwürde oder ein Strafgesetz verstößt.

Nach dem 11. September, so ein Pilot, habe die militärische Führung versucht, die Crews zu beruhigen. Für den Abschuss eines Zivilflugzeuges gebe es rechtliche Grundlagen, die Offiziere bräuchten sich keine Sorgen zu machen.

Eine schriftliche Bestätigung, wonach ein Abschuss rechtlich unbedenklich wäre, bekamen die Piloten jedoch bis heute nicht.

Eine interministerielle Arbeitsgruppe "Sicherheit im Luftraum" hat nach sechsmonatiger Beratungszeit jetzt eine Empfehlung vorgelegt: Der Abschuss einer fliegenden Bombe müsse als "Spezialfall des übergesetzlichen Notstands" ins Grundgesetz aufgenommen werden. "Klarstellung" der Verfassungslage nennt das Verteidigungsminister Struck. Dass diese "Klarstellung" zwangsläufig eine Kompetenzerweiterung für die Bundeswehr einschließen müsste und damit in Wahrheit eine verschleierte Verfassungsänderung ist, dürfte den Beteiligten bewusst sein. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes Bernhard Gertz ist mit dem Vorschlag dennoch einverstanden. Die Piloten am Feuerknopf, meint er, wären damit schließlich abgesichert.

Die haben indes noch ein anderes Problem. Für den Abschuss eines Kleinflugzeuges sind die Phantoms nicht passend bewaffnet. Mit dem Radar lassen sich glatte Plastikoberflächen wie die eines Motorseglers nur schwer erfassen. Auch ein Beschuss aus der Bordkanone wäre wegen der hohen Fluggeschwindigkeit schwierig. Die derzeit einzige Möglichkeit, ein Kleinflugzeug vom Himmel zu holen, sagt ein Pilot, bestünde darin, mit der Phantom dicht an dem Flugzeug vorbeizufliegen, um es in einem Luftwirbel nach unten zu ziehen. Das allerdings wäre ein höchst riskantes Manöver für die Crew. Nicht nur rechtlich.